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Leben und Sterben kann man von zwei ganz unterschiedlichen Seiten her betrachten: von der beschränkten Seite unseres menschlichen Wissens her oder von der offenen Seite unseres Glaubens. 

Wenn wir ehrlich suchende Menschen sind, dann stossen wir immer wieder an unsere beschränkte Möglichkeit, die ganze Wirklichkeit zu sehen. Damit können sich aber wirklich reife Menschen nicht zufriedengeben. Wir wollen mehr, wir ahnen Grösseres und wir sehnen uns nach dem Vollendeten. Das ist mehr als bloss eine kindische Projektion, weil wir nicht fertigwerden mit dem Gedanken, dass mit dem Tod alles aus ist. Denn alles hier auf dieser Welt und in unserem Leben ist unvollendet, nur Stückwerk und nie die ganze Wirklichkeit. Aber alles, jede Faser, strebt nach Perfektion.  

Der Glaube, so heisst es im Evangelium, versetzt Berge. Und tatsächlich ist es die Erfahrung vieler, vieler Menschen, dass der Glaube eine grossartige Lebenskraft ist, jetzt schon in diesem Leben, weil er uns Mut, Hoffnung und Liebe schenkt, Gaben also, mit denen wir unser Leben besser meistern. Aber erst im Tod wird sich die ganze Kraft des Glaubens zeigen, wenn wir einmal die Schwelle vom Diesseits zum Jenseits antreten, wenn die guten Geister uns liebevoll begleiten aus dem Dunkel des Grabes zum Licht Gottes. 

Zum Leben gehört das Sterben. Das Sterben führt zum Leben. Das ist kein Widerspruch, wenn ich glauben kann, dass Gott mein Leben nicht für den Tod, sondern für die Vollendung bei ihm geschaffen hat. Wenn ein Fluss ins Meer mündet, hört er auf, Fluss zu sein. Aber sein Wasser ist nicht verloren, sondern zieht nur weitere Kreise in den Tiefen des Meeres.  

In der Totenpräfation des römisch-katholischen Messbuches gibt es eine Formulierung, die mich jedes Mal berührt und tröstet: «Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben nicht genommen, sondern gewandelt.» «Der Wandel ist das Gesetz des Lebens», sagte einst John F. Kennedy. Etwas, das wir im eigenen Leben feststellen. Warum sollte dann nicht am Ende dieses Lebens die letzte Wandlung alles Vergängliche in Ewigkeit wandeln können? 

Ein Lichtermeer wird auch in diesem November viele Friedhöfe in unserem Land erhellen. Die frisch geschmückten Gräber berichten nicht nur von Trauer, sondern vielmehr von Liebe. Eine Liebe, die alles umfängt: Leben und Tod. Das sagt uns die Bibel: «Stark wie der Tod ist die Liebe» (Hoheslied 8,6). Die grösste, verändernde Kraft ist die Liebe. Darum gibt es keine wahre Erkenntnis ohne Liebe. Denn die Quelle der Liebe ist Gott selbst. Ihn dürfen wir am Grab unserer Verstorbenen mit den Worten des Hohenliedes bitten: «Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod» (Hld 8, 6).

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