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In der neuen Serie werden fünf moderne Bildungshäuser präsentiert, die im dritten Jahrtausend den Ton angeben. Allgemeine und religiöse Bildung tun heute besonders not und Weiterbildung ist in einer sich rasch verändernden Welt unabdingbar geworden. Im Fürstentum Liechtenstein steht das Bildungs- und Seminarhaus Gutenberg auf dem gleichnamigen Burghügel in Balzers. Es bietet Kurse und moderne Veranstaltungen für die Jugend Liechtensteins und ist vor allem ein Zentrum für Erwachsenenbildung.

von Stephan Leimgruber

Die spirituelle Herkunft des Bildungs- und Seminarhauses Gutenberg ist der Salettinerorden, der eine Mission im Dienste der Versöhnung bis nach Angola praktiziert und in Balzers eine Niederlassung zur Ausbildung der Missionare hatte. 1985 wurde die Liegenschaft komplett umgebaut zu einem modernen Bildungszentrum. 2004 gründete der Orden die «Stiftung Haus Gutenberg», um den Fortbestand der Erwachsenenbildungsstätte zu gewährleisten. Ihr Zielpublikum sind Jugendliche und Erwachsene aus Liechtenstein und der ganzen Schweiz, insbesondere aus dem Sarganserland und Graubünden, sowie aus dem nahen Österreich. Das Haus Gutenberg steht für eine ganzheitliche Bildung, die Stärkung der Persönlichkeit und Vertiefung des spirituellen Lebens. Es reflektiert das soziale wie gesellschaftliche Engagement der Menschen. Denn in Balzers setzen sich Besucherinnen und Besucher mit sich selbst und zentralen Themen des Lebens auseinander und finden Entspannung, Kraft und Inspiration in einer einzigartigen Umgebung.

Im letzten Jahrhundert wurde dieses Haus von der Salettiner-Kongregation in Mörschwil gekauft und genutzt. Die Salettiner sind ein Missionsorden, der im 19. Jahrhundert im französischen Marienwallfahrtsort La Salette gegründet wurde. Seine Aufgaben waren Mission und Pilgerbetreuung. Die Salettiner hatten in der Schweiz in Mörschwil ein Gymnasium und richteten von 1935 bis 1939 auf dem Gutenberghügel ein Progymnasium ein, von 1939 bis 1954 das Noviziat zur Ausbildung der Salettiner-Patres und von 1954 bis 1973 das Lyzeum mit Maturitätsabschluss. 1985 wurde das Haus in ein Bildungs- und Seminarhaus umfunktioniert. 2004 hat es die «Stiftung Haus Gutenberg» von den Patres übernommen.

Marianische Spiritualität des Salettinerordens
Geistlich gründete das Haus ursprünglich auf Maria als «Mutter der Versöhnung». Im Geiste von La Salette steht das Bildungsprogramm im Dienst der Versöhnung in einem dreifachen Sinne: Versöhnung mit sich selbst und der eigenen Biografie; Versöhnung mit den Menschen und Versöhnung mit Gott. Der Orden der Salettiner steht mit einer Marienerscheinung in La Salette in Verbindung. 1946 wurden Salettiner Missionare nach Angola gesandt, um dort den Dienst der Versöhnung zu tun.

Die Grundidee und den Auftrag der Versöhnung aufgreifend und aktualisierend, gliedert sich das aktuelle Bildungsprogramm in fünf Bereiche: Spiritualität − Religion – Philosophie, Ethik − Gesellschaft − Natur, Persönlichkeit − Erziehung, Gesundheit – Bewegung. Dazu kommen ein Kinderprogramm mit Tagesveranstaltungen und ein Kulturprogramm mit Ausstellungen, Kinovorführungen und Literaturclubs. Eine Kooperation mit den Schulen in Liechtenstein fordert Sensibilität und die Bereitschaft, sich auf aktuelle Themen einzulassen.

Das 6. Ethikforum für Jugendliche stellte sich dem aktuellen Thema: «Was trägt in Zeiten der Corona-Pandemie?» Ausserordentlich an diesem Bildungsprogramm ist die Anbindung an das europäische Erasmusprogramm, das der Schweiz seit dem Nein zum Europaraum vorenthalten bleibt. So partizipiert das Haus Gutenberg in strategischer Partnerschaft an einem internationalen Wirtschaftskurs für einen guten Umgang mit Finanzen, Krediten und Schulden, der bald für Menschen mit geringer Bildung und Problemen im Umgang mit ihren Finanzen in Gang kommen soll. Die Beratung zu den Corona-Massnahmen geschieht mit Bezug zu schweizerischen und europäischen Vorgaben. Auch ökologische Kurse betreffend Klimawandel, Klimaneutralität und Nachhaltigkeit werden nach UNO-Massstäben konzipiert.

Sinnfragen werden in ökumenischer Offenheit und in interreligiösem Dialog angegangen. So ist eine Kurswoche «Maria in Bibel und Koran» geplant, welche die frühere marianische Spiritualität in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Hierbei werden Fachreferentinnen und -referenten verschiedener Denominationen eingeladen. Eine ebenso offene Atmosphäre kommt zustande wie beim kürzlich durchgeführten Kurs «Jesus Christus im Spiegel der Weltreligionen», der in Kooperation mit dem Theologisch-praktischen Bildungsinstitut in Zürich durchgeführt wurde. Ferner kommen Frauenbilder zum Tragen, wie sie in den verschiedenen heiligen Schriften angesprochen werden. Ein besonderes Steckenpferd des aktuellen Leiters Bruno Fluder ist die Ausbildung in Bibliodrama mit Einführungen in biblische Texte und engagierte Dramenumsetzungen mit den Teilnehmenden.

Das Haus Gutenberg verfügt über zwei Plenumssäle zu 50 und 30 Plätzen und drei lichtdurchflutete Seminarräume für unterschiedlich grosse Gruppen. Dazu kommen Essraum und weitere Begegnungsräume, schliesslich ein Sakralraum für liturgische Feiern. Die einzelnen Bereiche können von externen Kursgruppen angemietet werden, sodass die Finanzierung auf breitere Füsse gestellt wird. Für die Finanzierung kommen das Land Liechtenstein, die Gemeinde Balzers und Stiftungen für 50 Prozent der Gesamtkosten auf; die anderen 50 Prozent werden durch die Kurse und eigenes Management generiert. Die Kosten für ein Einzelzimmer mit Frühstück liegen nur bei 80 Franken, für ein Doppelzimmer bei 130 Franken. Die Unabhängigkeit von Erzbischof Wolfgang Haas, der 1997 eingesetzt wurde, wird gewahrt. Bis anhin ist ein Salettiner-Priester Bezugsperson für die sonntäglichen Gottesdienste.

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