«Dass alle eins seien!», lautet eine der zentralen Bitten des Abschiedsgebets Jesu. Klingt das nicht nach Einheitsstaat und Einheitsschule, nach Einheitsmeinung und Einheitspartei – nach purer Gleichmacherei? Mit der Französischen Revolution hat unter dem Leitsatz von Liberté, Egalité und Fraternité das Prinzip der Gleichheit Einzug gehalten in unser Wertesystem. Nimmt Jesus den revolutionären Gedanken, der später Karl Marx und Friedrich Engels inspirierte, auf, wenn er im Blick auf die Seinen bittet, alle mögen eins sein?

Robert Vorholt

 

Die schlichte Antwort lautet Nein, denn so einfach liegen die Dinge nicht. Zunächst gilt es festzustellen, dass für Jesus Einheit und Gleichheit nicht einfach identische Begriffe sind. Schauen wir ins Evangelium, stellen wir fest, dass Jesus jedenfalls nicht der ist, der über alles und jedes die Sosse der Gleichheit giesst. Es fällt vielmehr zweierlei auf: Jesus hat einerseits einen Blick für das Grosse und Ganze. Denken wir nur an das Bildwort vom Weinstock und den Reben oder vom Hirten und der Herde. Und Jesus hat andererseits einen Blick für den Einzelnen. Das ist kein Einheitssozialismus, von dem Jesus spricht. Es geht ihm nicht um Uniformität, sondern um Individualität – und genau darin eben auch um die Würde des Einzelnen.

Paulus, der Apostel, bringt diesen Gedanken mit einem Bild ins Spiel. Als es ihm einmal darum geht, die Gemeinschaft der Glaubenden und die Einheit der Gemeinde zu beschreiben, spricht er vom Zusammenspiel der Organe im Körper eines Menschen. Im Brief an die Christen von Korinth (vgl. 1 Kor 12) heisst es entsprechend: «Denn gleichwohl der Leib des Menschen ein einziger ist, hat er doch viele Einzelteile. Wenn ein Fuss sagte: Weil ich keine Hand bin, gehöre ich nicht dazu, gehörte er trotzdem dazu. Und wenn ein Ohr spräche: Weil ich kein Auge bin, gehöre ich nicht dazu, so gehörte es trotzdem dazu. Wäre der ganze Mensch Auge, was wäre dann mit dem Gehör? Wäre der ganze Mensch Gehör, was wäre dann mit dem Geruchssinn? Kein Organ kann sich über das andere erheben und sagen: Ich bin wichtiger als du. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht, und der Kopf nicht zu den Füssen: Ich habe euch nicht nötig. Gott selbst fügte alles so zusammen, dass es keinen Streit gab, jeder für sich ist einzig, jeder für sich ist wichtig.»

Das ist das Entscheidende: dass Einheit für Christen nicht auf Kosten der Unterschiedlichkeit gehen muss. Es geht vielmehr um die Bejahung der Unterschiede, und es geht darum, dass jeder einzelne Mensch gerade in seiner Einzigartigkeit und Eigenart und Unterschiedenheit wertvoll ist für das Zusammenspiel des Ganzen.

Daraus lassen sich drei kurze Leitfäden ableiten. Der erste könnte versuchsweise so lauten: Schau auf den Einzelnen und lerne dabei, den anderen anders sein zu lassen. Du musst nicht so lange modellieren und feilen, bis es keine Unterschiede mehr gibt! Dahinter steckt der Gedanke, dass jeder Mensch seinen eigenen Wert hat, seine eigenen Facetten, und das bedeutet eben auch: seine eigenen Stärken und Schwächen. Es ginge also darum, das je Eigene zu betonen, dabei Unterschiede zu sehen und sie dann auch zu akzeptieren und gelten zu lassen.

Daraus würde sich ein zweiter Leitfaden ergeben: dass nämlich die Einheit in der Vielfalt gelingt, wenn der eine darauf verzichtet, sich auf Kosten des anderen zu profilieren. Die Frage dürfte nicht länger lauten: Wer ist hier der Wichtigste, wer hat das meiste Ansehen und die grösste Bedeutung? Sie müsste vielmehr lauten: Was kann von dem, was an Charismen vorhanden ist, so eingebracht werden, dass es zum Wohl des Ganzen nutzt?

Und schliesslich der dritte Leitsatz: Wage das Ja zum anderen, weil Gott sein Ja zu dir wagt! Das Fundament christlicher Einheit ist niemand anderes als Gott selbst. Er sagt Ja zu dir, weil er dich unermesslich liebt. So aber führt er dich ein in die Grossfamilie der Kinder Gottes. Und du bist deinerseits befreit, Ja zum Nächsten und anderen zu sagen.

Das zusammen meint Jesus wohl, wenn er darum bittet, dass alle eins seien. Welch ein Sozial-Programm!