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Ceuta, die spanische Exklave auf afrikanischem Boden, schützt sich mit Zäunen gegen Menschen, die in die Europäische Union flüchten wollen. Das macht die Stadt zu einem Gefängnis, wie der zweite Teil der Kurzserie dokumentiert. 

von Florencia Figueroa 

Marokkaner benötigen für die Einreise nach Spanien ein gültiges Visum. Das gilt aber nicht für marokkanische Staatsangehörige in der näheren Umgebung von Ceuta. Diese Personen können täglich ohne Visum für eine begrenzte Zeit in die Stadt kommen. Deswegen konnte sich der Schmuggel-Handel überhaupt entwickeln. Und es war die ideale Win-win-Situation, weil die Ceutís ihre Produkte loswurden und die marokkanischen Nachbarn viel Geld durch den Weiterverkauf verdienen konnten. Der illegale Handel wurde deshalb lange Zeit von den Behörden beider Staaten toleriert – bis Marokko zu dem Schluss kam, dass das marokkanische Umland um Ceuta zwar vom Schmuggel profitiere, die marokkanische Gesamtwirtschaft allerdings darunter leide. Ende 2019 unterband Marokko deshalb den Schmuggel. 

Doch dann begann Anfang 2020 die Corona-Pandemie und die Grenzen wurden dichtgemacht. Auch den marokkanischen Arbeitskräften wurde damit die Lebensgrundlage entzogen: Handwerker, Reinigungspersonal, Hilfsarbeiter und Konsorten, die täglich nach Ceuta pendelten, um für einen aus spanischer Sicht geringen, aber für marokkanische Verhältnisse hohen Lohn zu arbeiten. Die Grenzschliessung schockierte Marokkaner und Spanier gleichermassen. «Wir konnten es nicht fassen, dass wir eingeschlossen wurden», sagt Sabah Hamed Mohamed. «Wir rannten zur Grenze, um es mit eigenen Augen zu sehen.» Sie sei davon überzeugt gewesen, die Grenze würde in wenigen Stunden wieder öffnen. 

Doch die Grenzschliessung dauerte insgesamt zwei Jahre. Mit ihr sperrten die Behörden aber die marokkanischen Arbeiter nicht nur aus, sondern auch die Menschen in Ceuta ein. Es gab zwar humanitäre Korridore, die den Grenzgängern zeitweilig das Entkommen ermöglichten. Doch wer ging, kam so schnell nicht zurück, wodurch der Job verloren gehen konnte. Daher blieben viele. «Regelmässig versammelten sie sich im Stadtzentrum vor der Vertretung der spanischen Regierung, um gegen die Grenzschliessung zu protestieren und um bessere Lebensbedingungen zu bitten», berichtet Sabah Hamed Mohamed. Die Stadt selbst sei aber auf so viele Menschen nicht vorbereitet gewesen, weshalb die Bevölkerung wie selbstverständlich in die Bresche gesprungen sei, erklärt die 61-Jährige: «Wir sind es nämlich gewohnt, Menschen in unsere Gemeinschaft aufzunehmen – das liegt an der Geschichte Ceutas.» 

Denn die Stadt war nicht immer umzäunt. Vor 1996 wanderten viele Leute ein. Und weil Ceuta etliche Herrscher ertragen musste, war die Bevölkerung ohnehin kunterbunt. Ceuta rühmt sich heute, die Stadt der vier Kulturen zu sein, in der Christen, Muslime, Juden und Hindus friedlich miteinander leben. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von spanischen Staatsbürgern, die sich aber durch ihre verschiedenen kulturellen Hintergründe unterscheiden. Grösstenteils setzt sich die Bevölkerung in Ceuta jedoch aus Christen und Muslimen zusammen. Diese beiden Kulturen haben sich zwar zum Teil vermischt – so ist es normal, zum Beispiel auf den Strassen Arabisch und Spanisch zu hören, Kopftücher und Miniröckchen zu sehen oder die Kirchenglocken und den muslimischen Gebetsruf zu vernehmen. Aber Spannungen zwischen diesen Kulturen gibt es dennoch. Das bekannteste Problemviertel ist Príncipe, das vorwiegend von Muslimen bewohnt wird. Es gilt als Getto Ceutas, in dem Drogenschmuggler und islamistische Hassprediger angeblich das Sagen haben. Die Bewohner dieses Viertels fühlen sich benachteiligt, weil sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt und meist für niedere Arbeiten rekrutiert werden – wenn sie überhaupt eine Anstellung finden. So konnte sich eine Anlaufstelle für den Dschihadismus entwickeln, für den sich insbesondere desillusionierte junge muslimische Männer begeistern. Aus Príncipe soll die Mehrheit der Spanier stammen, die sich als Kämpfer dem Islamischen Staat angeschlossen haben. 

Ist es in Ceuta also gefährlich? Pedro, Polizist und Katalonier, verneint das: «Nein, das Problem haben wir inzwischen in den Griff bekommen. Ceuta ist eine sichere Stadt – was nicht zuletzt an der hohen Polizeipräsenz in diesem kleinen Gebiet liegt.» Klar könne man die Kriminalität nicht gänzlich ausmerzen: «Aber das gilt ja für andere Städte auf dieser Welt auch.» 

Schwarzafrikaner waren die Ersten 

Grundsätzlich – und da sind sich der nicht praktizierende Christ Eugenio und die praktizierende Muslima Sabah Hamed Mohamed vollends einig – zeichnet sich Ceuta aber durch eine weltoffene Mentalität aus. Zu dieser Einschätzung passen die Grenzzäune freilich nicht. Errichtet wurden sie Anfang der 1990er-Jahre, nachdem in Ceuta plötzlich von überall aus Afrika, hauptsächlich aus der Subsahara, schwarzafrikanische Einwanderer auftauchten. Sie hatten Ceuta als das erkannt, was es ist: das Tor zu Europa. «Weil die Stadt aber über keine adäquaten Auffanglager verfügte, lungerten die Einwanderer auf der Strasse herum», sagt Eugenio. «Sie störten uns anfangs nicht, aber mit der Zeit kam es zu Spannungen, weil die Einwanderer mit ihrer Situation unzufrieden waren und das auch zum Ausdruck brachten.» Also sei für sie das Zentrum für den vorübergehenden Aufenthalt von Immigranten, kurz CETI, gebaut worden. Und weil der Migrationsdruck auf die kleine Stadt immer grösser geworden sei, habe Spanien mithilfe der EU die Metallzäune gebaut und sie immer weiter verstärkt. «Aber das wird sie nicht aufhalten», meint Eugenio. Diese Meinung teilt er mit vielen Ceutís. Schliesslich wissen alle, dass für die Flüchtlinge, die in ihrem Heimatland vor dem absoluten Nichts stehen, schon allein der Aufenthalt in Europa ein grosser Fortschritt ist. Und so finden sich die Ceutís damit ab, dass immer mehr kommen. Denn für Ceuta war die Migration noch nie etwas Neues. 

Die Flüchtlinge vom 17. Mai 2021 

8000 Flüchtlinge gelangten am 17. Mai 2021 nach Ceuta, weil Marokko die Grenze nicht bewachte, um Spanien unter politischen Druck zu setzen. Offiziellen Angaben zufolge wurden die meisten nach Marokko abgeschoben. Spanien gewährt Marokkanern im Normalfall kein Asyl. Die Flüchtlinge anderer Nationen wurden im CETI untergebracht, wo sie auf ihren Bescheid warten. Bleiben durften desgleichen Minderjährige, weil sich mehrere Menschenrechtsorganisationen für sie eingesetzt haben. Die Minderjährigen werden in Auffanglagern für Kinder und Jugendliche untergebracht, wo sie betreut werden, bis sie volljährig sind. Allerdings flüchten immer wieder einige. weil sie nicht jahrelang in Ceuta steckenbleiben wollen, wo es nichts zu tun gibt. Stattdessen ziehen es die Ausreisser vor, auf den Strassen herumzulungern, bis sich ihnen die Chance bietet, auf den europäischen Kontinent überzusetzen. Dort erhoffen sie sich eine bessere Zukunft. Für Sabah Hamed Mohamed eine unhaltbare Situation: «Ich setze mich immer für Menschen ein. Aber sie müssen auch bereit sein, sich helfen zu lassen. Dass Kinder eltern- und aufsichtslos bettelnd durch die Strassen ziehen, vielleicht sogar kriminell oder ausgebeutet werden, finde ich nicht gut. Für ein solches Leben hätten die Kinder die Risiken, nach Ceuta zu kommen, nicht auf sich nehmen müssen, sondern gleich in ihrem Heimatland bleiben können. Ich bin deshalb der Meinung, man hätte diese Kinder zurück zu ihren Eltern schicken sollen.» 

Dass so viele Marokkaner, auch Minderjährige, nun versuchen, nach Ceuta zu kommen, ist übrigens kein Zufall, sondern hängt mit der Unterdrückung des atypischen Handels zusammen: Den Schmugglern wurde die Lebensgrundlage entzogen, weshalb sich für sie nun Europa als einzige Chance darstellt. Die Lage ist allerdings nicht nur für die marokkanischen Schmuggler jenseits der Zäune prekär, sondern auch für die Ceutís selbst, weil sie von diesem Handel gut gelebt haben. Die Zukunft Ceutas erscheint deshalb als ungewiss. Das ist auch den Flüchtlingen bewusst, weshalb die meisten – nicht nur die Ausreisser – so schnell wie möglich Ceuta verlassen und in irgendein anderes Land weiterreisen wollen. Sie warten in Ceuta nur auf den Entscheid ihres Aufenthaltsstatus – und falls dieser negativ ausfallen sollte und sie abgeschoben würden, dann kämen sie einfach wieder. Und zwar so lange, bis sie endlich bleiben dürfen. Dafür sind sie sogar bereit, ihr Leben zu riskieren. 

Marokko will Ceuta 

Marokko erhebt nicht nur auf die Westsahara Anspruch, sondern auch auf Ceuta und Melilla, die zwei spanischen Exklaven in Marokko. Allerdings hat die Regierung seit Längerem keine Anstrengungen unternommen, um die Städte einzugliedern. Die Ceutís jedenfalls sehen sich selber als Spanier und wollen nicht dem marokkanischen Königreich angeschlossen werden. 

 

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