Der fragende und suchende Mensch ist heute angetrieben von Ablenkungsmöglichkeiten und angelernten Fremdinteressen. Was zu kurz kommt, ist gemäss Urban Federer, Abt von Einsiedeln, die Kultivierung der tiefen Sehnsucht des Menschen nach Stille, Meditation, Zuwendung, Beachtung und Geborgenheit. Sein Buch «Quellen der Gottesfreundschaft» zeigt Wege dorthin auf.

Stephan Leimgruber

 

«Was sucht ihr?» (Johannesevangelium 1,38), fragt Jesus zwei seiner Jünger, und er antwortet ihnen: «Kommt und seht» (Joh 1,39). Die irritierten Jünger ergreifen die Chance und treten in die Nachfolge Jesu. «Am Beginn einer Freundschaft steht die Erfahrung des Berührt-Werdens.» Diese Erfahrung hält Abt Urban Federer auch in der heutigen Zeit massiver Kirchenkritik für möglich und verheissungsvoll. Die Erfahrung der Gottesfreundschaft sieht er bei den Mystikern des Spätmittelalters (Johannes vom Kreuz, Johannes Tauler, Niklaus von der Flüe) grundgelegt, bei den sogenannten Gottesfreunden. Diese vertieften sich unablässig in die Geheimnisse Jesu: seines Lebens, Leidens und Kreuzes.

In zehn Impulspredigten zum Weihnachtsfestkreis, die jeweils vier Seiten lang sind, betont der Vorsteher der Mönchsgemeinschaft von Einsiedeln zum einen die grosse Bedeutung der Festvorbereitung. Ein Fest geht so tief ins Bewusstsein, wie es äusserlich und innerlich (im Advent) vorbereitet wird. Zum andern kann Weihnachten zur Quelle der Gottesfreundschaft werden, wenn Jesus in das persönliche Leben hereingelassen wird. Dies geschieht, wenn die vielen Zwänge (zum Beispiel Internet, Musik, Informationen) unterbrochen werden und der Lebensrhythmus verlangsamt wird. So wird eine Begegnung in Freiheit möglich.

Die Impulse zum Osterfestkreis setzen mit Gedanken zum Aschermittwoch ein. Jesus wird in der Wüste versucht und zeigt auf, welche Versuchungen die Einsamkeit mit sich bringt. Doch gilt für ihn: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt» (Matthäusevangelium 4,4). Jesus widersteht den Versuchungen nach Reichtum, Macht und Ehre; er empfiehlt, «uns getrost dem alleinigen Gott zuzuwenden, um nichts anderes zu vergöttern». Der eigenen Sehnsucht nachgehen und sie positiv in die Suche nach dem wahren Leben wenden, das ist eine Aufgabe der ganzen österlichen Busszeit. Der Gründonnerstag steht in der Spannung von Gewalt und Barmherzigkeit. Jesus bezeugte den Jüngern mit Bestimmtheit, dass er lieber starb als Gewalt anzuwenden und sich zur Wehr zu setzen. Zuvor feierte er mit den Seinen ein Mahl und legte seine Hingabe in Brot und Wein mit dem Auftrag, seiner Liebe und Solidarität immer wieder zu gedenken. Der Karfreitag gilt als «Aufschrei gegen die Kreuzigung». Die Hinrichtung Jesu bildet die Hinrichtung so vieler Unrechtstaten bis heute ab: «Jene, die stören, werden geköpft und geschlagen.» Am Karfreitag feiern wir, sagt der Abt, das Drama unseres Lebens, unserer Verzweiflung. In der Liturgie bedenken wir, was Gott aus dem Kreuz macht. Er verwandelt Böses in Gutes, Hass und Gleichgültigkeit in Liebe. Ostern vollendet den Karfreitag. Die Osterlogik der Urkirche begann mit dem Erschrecken der Maria von Magdala am leeren Grab. Dorthin kam sie zweifelnd, fragend, suchend, hoffend und glaubend. Maria von Magdala, aber auch die Christinnen und Christen in Korinth haben in der Begegnung mit dem Auferstandenen Hoffnung, Liebe und Glauben neu gefunden. «Tun wir es ihnen nach.»

Einen weiteren Zugang zur Quelle der Gottesfreundschaft zeigt Abt Urban in den Feiern der Heiligen auf. Beispielhaft nennt er Meinrad von Einsiedeln, Maria, Bruder Klaus von Flüe, den heiligen Gallus und Albert den Grossen. Er schliesst mit der grossen Vision von der Freiheit des heiligen Konrad von Konstanz (900–975). Dieser ist für die Würde eines jeden Menschen eingetreten. «Er lehrt uns noch 1000 Jahre später, nicht nur Gott, sondern mit ihm auch den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.» Daraus folgert Abt Urban, dass der Glaube alles andere als langweilig sei. «Glaube ist spannend und macht frei.» Konrad schaut mit offenen Augen zum Himmel und sieht, wie der Gekreuzigte mitten unter den Menschen wohnt, bis hin zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln, das Ziel so vieler Pilgerinnen und Pilger.

Mit dieser Einführung in das Kirchenjahr und in Christsein überhaupt fügt sich Abt Urban in die Reihe der Schriftsteller-Äbte im deutschen Sprachraum ein: Abt Odilo Lechner, Andechs; Abt Michael Eckert, St. Bonifaz, München, und Abtprimas Notker Wolf. Wer zwei Stunden täglich Psalmen betet und die Psalmen singt und wer aus dieser Gottesfreundschaft Kraft und Gelassenheit gewinnt, hat eben etwas zu sagen.