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Der Roman «Sommernächte» von Aharon Appelfeld spielt zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und erzählt von Sergei, Veteran und orthodoxer Christ, und dem jüdischen Jungen Janek. Gemeinsam sucht das ungleiche Paar den Weg durch die vom Krieg zerrütteten Dörfer und Landstriche der Ukraine. Dabei bringt Sergei Janek allerhand Fertigkeiten und Lebensweisheiten bei. Unter anderem auch diese: «Janek, du musst dir jeden Tag vornehmen, eine Sache aufmerksam zu betrachten, und dir sagen: ‹Das werde ich stets in Erinnerung behalten›.» Wir können uns gut vorstellen, wie wertvoll so eine Weisheit ist, wenn sie übernommen und ins eigene Leben eingefügt wird.

Heute lassen wir uns weniger von der Lebenserfahrung alter Menschen anregen, vielmehr gibt es in unserer Zeit Bücher und Kurse, die Lebensweisheiten psychologisch aufbereiten und die uns dann helfen, uns positiv auszurichten. Es geht dabei um die sogenannte Selbstoptimierung. Wenn ich mir Gutes in Erinnerung rufe, kann ich daraus Kraft schöpfen und finde so Anregung und Orientierung, um mein Leben zu gestalten.

Erinnerung im besten Sinn ist aber auch eine Kategorie, die tief in der jüdischen und christlichen Glaubenstradition verankert ist. Ohne Erinnerung sind weder das Judentum noch das Christentum verstehbar. Wir Christen erinnern uns im Verlauf des ganzen Kirchenjahres auf verschiedene Weise daran, dass Gott seit jeher mit uns Menschen in Beziehung sein will. Was Gott mit dem Menschen vor Urzeiten begonnen hat, das führt er im Jetzt und in die Zukunft hinein auch aus, nämlich, uns zu lieben. Der theologische Begriff für diese Erinnerung lautet dabei Gedächtnis. Dieses Gedächtnis aber greift tiefer als eine psychologische Optimierung. Eine solche Erinnerung will uns in der Verbindung mit dem lebendigen Gott halten, uns seine unverbrüchliche Liebe immer neu zusagen, damit sie in unserem Leben wirksam wird. Nikolaus von Kues hat dies in einem Gebet so ausgedrückt:

«Dein Blick, Gott, betrachtet mich so aufmerksam, dass er sich nie von mir abwendet. So tut es auch deine Liebe nicht. Und weil deine Liebe immer bei mir ist und sie nichts anderes ist als du selbst, darum bist du immer bei mir, Gott. Du verlässt mich nicht. Von allen Seiten behütest du mich, weil du aufmerksamst Sorge für mich trägst.»

So können wir in Abwandlung von Sergeis Leitsatz sagen: «Du musst dir jeden Tag vornehmen, eine Erfahrung der Liebe Gottes zu dir bewusst wahrzunehmen und dir sagen: ‹Das werde ich stets in Erinnerung behalten›.»

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