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Der Samen keimt und wächst und der Mann weiss nicht, wie, heisst es im Matthäus-Evangelium (Mt). Wenn wir Erntedank feiern, dann feiern wir, dass die Früchte des Feldes gewachsen und gereift sind, ganz ohne unser Zutun. Und doch brauchte es zuerst auch den Sämann, der den guten Samen aussät. 

Das Erntedankfest kann uns dazu einladen, uns zu erinnern, dass beides zu unserem Menschsein dazugehört: auszusäen und geduldig zu warten. Es gehört zur Lebenskunst von uns Menschen, dass wir lernen: Was kann ich selbst erledigen und was muss ich mir schenken lassen?  

So kann uns das Erntedankfest lehren zu unterscheiden zwischen der biblischen Tradition der Fruchtbarkeit und dem Leistungsdenken unserer modernen Gesellschaft. Die grösste Herausforderung für Menschen, die sich in unserem Lassalle-Haus einfinden, egal ob sie die christlichen oder östlichen Wege der Meditation einüben, ist dieser Aktivismus. Sie kommen mit dem Vorsatz: Jetzt habe ich mir extra ein Wochenende Zeit genommen. Wenn ich jetzt in die Kapelle gehe oder mich auf das Kissen setze, dann muss es sofort um mich still sein. Aber dem ist leider nicht so. Zuerst kommt vielleicht der verdrängte Ärger von der vergangenen Woche und den gilt es auszuhalten und loszulassen, bevor Stille und Frieden sich einstellen können.  

Wachstum, auch spirituelles Wachstum, braucht seine Zeit. Das ist eine Weisheit des Erntedankfests. 

Dann braucht Wachstum eine Haltung der Aufmerksamkeit und des Vertrauens. Das erleben wir in unseren Beziehungen. Nur wenn wir auf unsere Beziehungen aufmerksam sind, wenn wir verbunden bleiben, nur dann können unsere Beziehungen und Freundschaften wachsen. Das gilt für die Freundschaft mit den Menschen und für die Freundschaft mit Gott. Das einfachste Gebet dafür ist der dankbare Blick auf unser Leben am Ende des Tages. Was ist mir geschenkt worden? Was hat mich berührt? Wofür bin ich dankbar? Und dies mit wenigen eigenen Worten aussprechen, so wie ein Freund oder eine Freundin mit ihrem Freund spricht, wie unser Ordensgründer Ignatius uns einlädt. 

Schliesslich: Wachstum hat ein eigenes Schönheitsideal. Oft bewundern wir Bäume in der Natur, die knorrig sind oder windschief und die sich gleichwohl in der Natur behauptet haben. In der Natur ist nicht alles perfekt und makellos. Zu den Äpfeln und Birnen gehören auch braune Flecken. Auch jede und jeder von uns kann einmal ungeniessbar sein. Junge Menschen sind manchmal beeindruckt von einem einseitigen Schönheitsideal. Aber wer von uns findet denn die stromlinienförmigen Nadelbäume attraktiv? Dann doch eher die knorrigen Bäume. Ist es bei den Menschen nicht genauso? 

Das Erntedankfest. Es erinnert uns daran, dass Leistung nicht alles ist in unserem Leben. Vieles in unserem Leben können wir nicht machen, sondern wir bekommen es geschenkt. Und Wachstum kennt andere Regeln als Leistung. Wachstum braucht Zeit. Wachstum braucht Aufmerksamkeit und Verbundenheit und Wachstum hat eine eigene Schönheit. 

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