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«Kennen Sie Adam, den Schwächling?», fragt die pfiffige jüdische Theologin Ruth Lapide – und meint damit, Adam habe sich bei der klassischen Sündenfallgeschichte wie ein «sturer, nicht widersprechender und langweiliger Mit-Esser» verhalten. So einen Mann habe man gar nicht erst in Versuchung führen müssen. Folgt man anderen Bibelexperten, so tut Frau Lapide dem sogenannten Stammvater des Menschengeschlechts bitter Unrecht. Adam konnte nicht anders: Im alten Orient sind es immer die Frauen gewesen, die das Essen zubereiteten und austeilten.

Bei der verbotenen Mahlzeit vom «Baum der Erkenntnis» bleibt Adam also nur die passive Rolle; seine Gefährtin Eva ergreift die Initiative und führt das Gespräch mit dem satanischen Versucher, der in die Gestalt einer Schlange geschlüpft ist. Eigentlich sollte man von «Eva und Adam» sprechen – oder ganz auf die Namen verzichten. Denn die ältesten Texte im Buch Genesis kennen nur den Menschen, ´adam (Erdling), aus der Erde des Ackers (adamah) geschaffen und geschlechtslos. Erst als Gott diesem einsamen Menschen einen Partner gibt, erfahren sich die beiden als Mann und Frau. Und erst als die Frau schwanger wird und ihren Sohn Kain empfängt, wird sie hawwah (Leben) genannt, woraus die spätere Tradition «Eva» macht. Im Buch Genesis gehe es nicht um eine Abfolge historischer Ereignisse, stellt die Bibelwissenschaftlerin Helen Schüngel-Straumann klar, sondern um mythische Aussagen über Menschliches und allzu Menschliches. Die Geschichte vom Paradies zeichne das Verhältnis zwischen Mann und Frau einmal so, wie es von Gott gewollt sei, und dann in seiner tatsächlichen, von Misstrauen, Machtkämpfen und Gewalt bestimmten Gestalt. Dass Gott dem traurig vor sich hinkrebsenden Adam aus seiner Rippe eine Gefährtin macht, die als «Hilfe» bezeichnet wird, hat zu einer schlimmen Auslegungstradition geführt; laut Augustinus taugt eine solche Partnerin nur für die Zeugung

und Aufzucht von Kindern. Dabei verwendet die Bibel hier einen Begriff, den sie sonst für den hilfreichen Gott gebraucht: Partnerschaft in ihrer wertvollsten Form. Evas Erschaffung aus Adams Rippe soll ebenfalls ihre Ebenbürtigkeit unterstreichen. Beide – deren Gedenktag die alte kirchliche Tradition am 24. Dezember begeht – sind aus demselben Stoff gemacht, eine Einheit, aufeinander angewiesen: «Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch», freut sich Adam!

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