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Die aktuelle Weltlage lenkt die Blicke auf die Flüchtlingsströme und die unzähligen menschlichen Schicksale. Dazu gehört auch die hochdramatische Geburtsgeschichte von Jesus. Sie ist ein Paradigma für die Bedrohung eines Menschenlebens seit seiner Existenz. 

Maria Brun 

Es sei vorausbemerkt, dass die Historizität der biblischen Überlieferung der Flucht nach Ägypten hier nicht Thema ist. Das Matthäus-Evangelium beendet die Kindheitsgeschichte von Jesus mit dem Verweis auf die Flucht nach Ägypten. Bekanntlich liess König Herodes (73–4 v. Chr.) alle Knaben unter zwei Jahren umbringen, um das Risiko eines Rivalen aus der Welt zu schaffen. Diese drastische Massnahme ergriff er, nachdem er sich von den drei orientalischen Sterndeutern hintergangen gefühlt hatte, die ihm nicht meldeten, ob und wo sie den «neugeborenen König der Juden» gefunden hatten. König Herodes war bekannt dafür, dass er keine aufsteigende Konkurrenz duldete; er wollte absoluter Alleinherrscher sein.  

Die Flucht nach Ägypten wird in der Kirche nicht gefeiert, obwohl ihr in der Ostkirche am 26. Dezember gedacht wird. Jedoch gibt es den «Tag der Unschuldigen Kinder», an dem man des Kindermordes gedenkt: im Westen am 28., im Osten am 29. Dezember. Aufs Ganze gesehen ergibt sich hier ein Datensalat, denn zu der Flucht nach Ägypten kann es erst nach der «Darstellung des Herrn im Tempel», welche 40 Tage nach der Geburt stattfand, im Westen «Mariä Lichtmess» genannt, also nach dem 2. Februar gekommen sein. Warum dieses Durcheinander? Die Kirche hat das Gedenken an die ersten Märtyrer, zu denen auch die unschuldig hingerichteten Kinder gezählt werden, direkt nach dem Geburtsfest Jesu angesiedelt, denn sie sind wegen ihm gestorben. 

Die Flucht nach Ägypten
Ägypten war ein Land, welches von alters her Flüchtlinge anzog. Das wussten die Pharaonen zu nutzen. Diese in Not geratenen «Ausländer» konnte man als billige Arbeitskräfte anheuern. Die Flüchtlinge ihrerseits waren froh, eine Bleibe gefunden zu haben, wo ihr Überleben gesichert war. Grund für den Notstand, dass Menschen sich zur Flucht gedrängt sahen, war meistens Hunger infolge von Dürre und Unwetter oder aber politische Verfolgung. Das Land am Nil, in Form einer langgezogenen Oase, befand sich in einer Sandwich-Position zwischen Libyscher und Arabischer Wüste. Die alljährlichen Überschwemmungen garantierten den äusserst fruchtbaren Boden. Wasser war keine Mangelware und Ägypten galt als Kornkammer Nordafrikas. 

In ostkirchlichen Texten findet man den Hinweis, dass die Heilige Familie nach Hermopolis gezogen sei. Hermopolis, so der griechische Name, war frühere Provinz-Hauptstadt Mittel-Ägyptens und lag am westlichen Nilufer, im heutigen Distrikt Minya. Die altägyptische Bezeichnung «Chemenu», übersetzt «Acht-Stadt», ist ein Hinweis auf die acht grossen Gottheiten, die in dieser Stadt verehrt wurden, allen voran Toth. Die Griechen identifizierten Toth mit dem Götterboten Hermes und nannten den Ort «Stadt des Hermes», Hermopolis.  

Josef soll also mit Maria und dem Jesuskind ins Gebiet von Hermopolis gezogen sein. Das hatte den Vorteil, dass sie in der Grossstadt eher unerkannt blieben. Zudem hatte Josef als Zimmermann mehr Chancen, in der Stadt eine Arbeit zu finden, um das Auskommen seiner jungen Familie zu sichern. Und es gab zur Zeit der Geburt Jesu eine grosse Judenkolonie in Hermopolis. Josef und Maria mussten sich also nicht völlig fremd fühlen, weder sprachlich noch religiös. Man nimmt an, dass die Heilige Familie circa zwei bis fünf Jahre in Ägypten blieb, bis die Gefahr für das Kind vorüber war. 

Das Fresko von Hergiswald
Am nördlichen Abhang des Pilatus befindet sich bei Kriens/Luzern die Wallfahrtskirche Hergiswald, ursprünglich Herrgottswald. Ihre Anfänge gehen auf das Jahr 1504 zurück. Was hier interessiert, ist die architektonische Gegebenheit einer Kirche in der Kirche. 1648/49 wurde eine Loretokapelle errichtet, die man in den Bau der heute bestehenden Wallfahrtskirche aus dem Jahr 1651 integrierte.  

Nachdem 1291 die letzten christlichen Besitztümer im Heiligen Land an die muslimischen Türken fielen, soll einer Legende nach das Wohnhaus der Heiligen Familie in Nazareth in der Nacht vom 9./10. Mai 1291 von Engeln ins italienische Loreto getragen worden sein. Da nicht alle Leute nach Loreto pilgern konnten, begann man an mehreren Orten die «santa casa», oder Loretokapelle, nachzubilden. Im Innern ist ein einfacher Wohnraum mit einem Gitter vom Küchenbereich abgetrennt. So findet man es auch in Hergiswald.  

Wer durch die niedrige Holztüre die Kapelle betritt, die übrigens als einzige im Winter geheizt ist, sieht auf der gegenüberliegenden Längswand ein Fresko, welches die Flucht nach Ägypten darstellt. Erstaunlicherweise beachten die wenigsten Besucher und Besucherinnen diese primitive Wandmalerei aus der Gründerzeit.  

In der Mitte des Bildes ist unübersehbar die Muttergottes mit dem Jesuskind dargestellt, erkennbar am Heiligenschein. Typisch für jene Zeit ist auch, dass Maria und Jesus mit einer Krone dargestellt werden, wie übrigens auch die dritte Figur. Die Krönung Mariens ist ein Thema, welches im Hochmittelalter aufkam. Man nahm an, dass Heiligen und Märtyrern, die dem christlichen Glauben treu blieben, einstens die Siegeskrone aufgesetzt werde und sie zum himmlischen Gastmahl geladen würden.  

Josef und der Esel fehlen auf dem Bild. Dafür steht zur Rechten eine Heilige, die hilft, die Szene geografisch einzuordnen. Es ist die Heilige Katharina von Alexandria (287–305). Ihre Embleme bezeugen ihre Identität als die ägyptische Heilige: das Rad für den Märtyrertod und der Palmzweig als Siegestrophäe für ihre Standhaftigkeit im Glauben. Die Präsenz dieser Heiligen und der Hintergrund des Freskos verdeutlichen, dass sich Maria und Jesus in Ägypten befinden. Die Halbmondsicheln auf den beiden Minaretten sind Symbole des Islam, welcher sich ab 640 ins Land gedrängt hatte. 

Die Aussage dieses Freskos ist: Die heilige Familie musste schon früh ihres Kindes wegen die Heimat verlassen und im Nachbarland Ägypten Asyl suchen, um zu überleben. Dieses Faktum unterstreicht die Bedeutung von Jesus, dass er für alle Menschen gekommen ist und als Gottessohn der ganzen Welt Heil gebracht hat. 

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