Das Gleichnis vom guten Hirten, das am Guthirt-Sonntag thematisiert wurde, ist ein uraltes Bild aus dem Alltag und der religiösen Tradition des Volkes Israel. Es ist ein Bild mit grosser Emotionalität, das für Beziehungen zum Vorbild wird. Warum, erklärt hier der Disentiser Benediktiner Urban Affentranger.

 

Eine Schafherde folgt den vertrauten Worten, der vertrauten Stimme des Hirten. Jesus verwendet dieses Bild, um seinen Auftrag für die damaligen Menschen deutlich zu machen. Er ist der gute Hirte, der die Menschen anspricht und zur Begegnung mit ihm einlädt. Wie die Schafe dem Hirten vertrauend folgen, sollen auch wir dem guten Hirten folgen und seine Stimme im Alltag aufmerksam hören.

Manche Bilder in der Heiligen Schrift, wie auch das Bild vom guten Hirten, sind uns heutigen modernen Menschen aber nicht mehr so vertraut wie den Menschen vergangener Zeiten oder den Menschen zur Zeit Jesu. Sie verlieren deshalb an Kraft oder stehen in der Gefahr, missverstanden zu werden. Das Bild vom guten Hirten im Evangelium ist gegenwärtig aus der Mode gekommen. Es scheint ein Bild aus der Zeit der Romantik zu sein. Ein Kirchgänger aus der Stadt hat mir gesagt, er könne mit dem Bild des guten Hirten und den Schafen zu Beginn des dritten Jahrtausends nichts mehr anfangen. Dieses Bild sei eine Degradierung der eigenen Person. Angeblich werde dadurch das Amt

in der Kirche in besonderer Weise hervorgehoben, während die einfachen Gläubigen in die Rolle des lediglich hinterhertrottenden Schafes gedrängt würden.

Gerade von einer Überhöhung des Amtes warnt aber das Evangelium, wenn es vom guten Hirten spricht. Jesus setzt sich ganz bewusst von denen ab, die als Führer und Könige den Begriff des Hirten allzu leichtfertig für sich und ihre Macht in Anspruch nehmen. Hier im Bündner Oberland ist das Bild von der Schafherde ein alltägliches und vertrautes Bild. Jetzt im Frühling sehen wir sie wieder, die Schafe auf unseren Wiesen.

Wir alle könnten doch nach dem Vorbild des guten Hirten Jesus Christus füreinander gute Hirten werden und gute Hirten sein. Wenn wir das Verhalten Jesu in der Bibel gegenüber den damaligen Menschen anschauen, dann kümmert sich Jesus als guter Hirte voll und ganz um seine Schafe. Etwa um Lazarus, den Bruder von Marta und Maria, um den Jüngling von Naim und die Tochter des Jairus, die Jesus beide aus dem Tod ins Leben zurückgeholt hat. Diese Menschen erhalten von Jesus neues Leben geschenkt. Der Gelähmte am Teich Siloah, der Blinde von Jericho, die gekrümmte Frau: Sie alle spüren heilende Kraft von Jesus ausgehen, die ihnen, deren Leben gemindert ist, neues Leben schenkt. Sünder, Ausgesetzte, die am Rande der Gesellschaft leben: Von Menschen erleben sie Verurteilung, Ausgrenzung, verächtliche Blicke, abwertende Bemerkungen. Jesus begegnet ihnen mit Verzeihen und Ermutigung. Er glaubt an das Gute in ihnen. Sie leben wieder auf, fangen wieder neu an. Vor diesem Hintergrund könnte unser Hirte-füreinander-Sein so aussehen: sich in andere einfühlen, am Leben der anderen teilnehmen, anderen beistehen, sich für andere verantwortlich fühlen, füreinander Zeit haben, einander zuhören, geduldig miteinander umgehen, einen aufmunternden Blick geben, eine hilfsbereite Hand reichen, ein tröstendes Wort sagen, die Last des anderen mittragen, einander zur Kraftquelle werden.

Manche werden jetzt vielleicht denken: zu schön, um wahr zu sein. Die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus. Mag sein, aber dies sollte uns nicht entmutigen, diesen Weg zu gehen. Jesus ist als guter Hirte für uns diesen Weg gegangen. Mit der Hilfe und Gnade des guten Hirten Jesus Christus können auch wir füreinander Hilfe zum Leben sein und damit einander zu guten Hirten werden.