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Das kirchliche Stundengebet sieht im Advent die Marienantifon Alma redemptoris mater vor. Viele Ordensfrauen, Mönche, Diakone, Priester und nicht wenige Laien beten das Abendgebet und das Nachtgebet, das mit einem Gruss an Maria endet.  

Stephan Leimgruber 

Während des Jahres (im Jahreskreis) wird das bekannte Salve Regina gesungen, in der Fastenzeit das Ave Regina caelorum und in der Osterzeit das Regina caeli. Alle vier Marien-Antifonen sind spezifische Marienlieder, hervorgegangen aus der mittelalterlichen Frömmigkeit, teils mit biblischen Anklängen, teils mit Väterzitaten. Sie rahmen keinen Psalm wie andere Antifonen, sondern sind selbstständige hymnenähnliche Loblieder auf Maria, die Mutter Jesu Christi. Mit diesen Hymnen soll Maria gegrüsst werden, weshalb sie mit «Salve» oder «Ave» beginnen. Der theologische Grund dafür liegt darin, dass Maria in der Heilsgeschichte eine Schlüsselrolle gespielt hat und stets Jesus Christus, dem Inbegriff des Heils und der Offenbarung, zugeordnet war. In der Tat gilt mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dass Maria nicht an sich und isoliert verehrt und schon gar nicht angebetet wird, sondern dass sie stets im Hinblick auf den Retter oder Erlöser der Menschen betrachtet werden muss. Maria wird so in die Mysterien Christi einbezogen. Ihre Verehrung möge sich letztlich auf Jesus Christus beziehen, den sie zeitlebens begleitete. Auch sie war ein Zeichen der sicheren Hoffnung und eine Trösterin. Sie war eingebettet in das ganze Volk Gottes unterwegs. Wenden wir uns dem Wortlaut der Antifon zu: 

Erhabene Mutter des Erlösers,
du allzeit offene Pforte des Himmels
und Stern des Meeres.
Komm, hilf deinem Volke,
das sich müht, vom Falle aufzustehn.
Du hast geboren, der Natur zum Staunen,
deinen heiligen Schöpfer,
die du, Jungfrau davor und danach,
aus Gabriels Mund vernahmst das selige Ave,
o erbarme dich der Sünder. 

Inhaltlich ist diese Antifon eine kunstvolle Anrede an Maria mit einem Gedenken an die Menschwerdung und einer Bitte um neuen Mut. Maria ist die erhabene (alma) Mutter; mit den Kirchenvätern ist sie die «Himmelspforte» und der «Stern der Meere» (vgl. Lied: «Meerstern, ich dich grüsse»). Im Zentrum steht ihre Mitwirkung an der Erlösung, insofern sie das Wort Gottes aus dem Mund des Engels Gabriel gehört, aufgenommen und bejaht hat, woran am 25. März gedacht wird (Fest der Verkündigung des Herrn). Und sie ist die Mutter des Erlösers oder Retters der Menschen, was am 1. Januar gefeiert wird. Sie ist auch die Mutter des «neuen» Schöpfers der ganzen Umwelt und der geschwisterlichen Mitwelt geworden. Darüber kann die ganze «Natur» nur staunen, gemeint ist wiederum die ganze Welt, inklusive Menschen und Lebewesen.  

Theologisch steht das Wunder der Menschwerdung Gottes mit dem Wunder der Jungfräulichkeit Mariens «davor und danach» in Zusammenhang. Diese theologisch, nicht biologisch, zu verstehende Jungfräulichkeit vor und nach der Geburt, an die am 8. Dezember gedacht wird, meint gleichzeitig die Bewahrung vor jeder Schuld und Sünde. Aufgrund ihrer Stellung in der Heilsgeschichte und ihrer Nähe zu Jesus Christus wurde sie dem Schuldzusammenhang der Welt und Geschichte entrissen. Sie wird vollendet durch die ganzheitliche Aufnahme zu Gott in den Himmel, woran am 15. August gedacht wird. Maria soll nun den Menschen Mut zusprechen und sie den aufrechten Gang lehren. Vom «Fall» aufzustehen ist ein Hinweis auf Eva und Adam, auf die «ersten» Menschen, ja auf die Menschheit schlechthin, die in eine Schuldgeschichte hinein verwoben ist. So wird der Gruss an Maria eine Aufmunterung an alle zu neuem Leben! Sie nimmt prophetische Gedanken aus dem Magnifikat auf, nach denen Gott die Niedrigen erhöht und die Mächtigen entthront. Musikalisch wurde das «Alma redemptoris mater» unzählige Male aufgegriffen und vertont: von Joseph Haydn und Orlando di Lasso über Josef Gabriel Rheinberger bis hin zu Nicolas Gambert und Giovanni Palestrina, der das Lied für zwei Chöre und vierstimmig gestaltet hat. Es ist in einer bearbeiteten Version von Maria Luise Thurmair aufbewahrt im schweizerischen Kirchengesangbuch Nr. 766 (nach dem deutschen Gotteslob unter Nr. 530). 

Mit der marianischen Antifon «Alma redemptoris mater» grüssen Christinnen und Christen in der adventlichen Vorweihnachtszeit Maria als Mutter Jesu Christi des Erlösers und des neuen Schöpfers. Sie empfehlen sich zu Beginn der Nachtruhe der Barmherzigkeit und des Schutzes Gottes. Sie denken an ihre Schwester im Glauben als ihre Fürsprecherin und Prophetin. Dichtung und Musik haben daraus ein Kunstwerk geschaffen.

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