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Der Prophet Jesaja entfaltet in grossen Bildern eine Vision. Die Rede ist von einem Wolf, der beim Lamm wohnt; von einer Raubkatze, die beim Böcklein liegt, von Löwen und giftigen Schlangen, die mit Kindern spielen, ja sogar ein Bär kommt vor, ganz friedlich und ganz zahm und ganz nah den Menschen. Eine unglaubliche Vision, finden Sie nicht? Denn das Bild der Zukunft, das Jesaja entfaltet, hat es wirklich in sich. Es geht um nichts Geringeres als um die Verheissung von erfüllter Sehnsucht, von Glück, von Gerechtigkeit und Frieden, von Solidarität, Fairness und Verlässlichkeit. Und das in einer Welt, die voll war vom Gegenteil: von Trauer, von Unrecht, Krieg, Ausbeutung und Machenschaften. Und wenn wir die Lage nüchtern betrachten, müssen wir wohl sagen, dass sie es immer noch ist. Es gibt viel zu viel Trauer, viel zu viel Unrecht, viel zu viel Gewalt und Mord und Totschlag in unserer Welt. Der Blick in die Zeitung reicht aus, dann ist das alles wieder präsent. Bilder des Krieges. Bilder des Unrechts. Bilder der Traurigkeit. Und jedes Mal die pochende Frage: Warum? Spätestens seit der Zeit der Aufklärung neigen die Menschen dazu, diese Frage zuerst Gott unter die Nase zu halten. Warum? Warum lässt Du das zu? Warum greifst du nicht ein? Ich finde aber, wir könnten uns diese Frage zur Abwechslung ruhig auch mal selber stellen: Warum? Was ist eigentlich passiert, dass es so weit kommen konnte? Die Abkehr von Gott, die Abkehr von seinem Wort – glauben wir im Ernst, dass das keine Konsequenzen hätte für das Zusammenleben der Menschen?

Eine Welt voll Unrecht, Krieg, Ausbeutung und Machenschaften. In dieses Loch hinein spricht Jesaja nun seine grossartige Vision: dass das alles nicht das letzte Wort haben soll. Dass da noch eine Zukunft zu erhoffen steht, die frei ist von der Kultur der Ungerechtigkeit und des Todes. Wenn wir Jesaja so reden hören, dann erinnern wir uns vielleicht daran, dass es zu allen Zeiten Versuche gegeben hat, das Unrecht und die Gewalt in dieser Welt zu bekämpfen. Doch so sehr man sich darum bemühte, so sehr man gewillt war, ein Reich des Friedens und der Solidarität aus eigener Kraft zu errichten, so sehr musste man am Ende all dieser Versuche enttäuscht feststellen, dass es nicht funktioniert hat. Wir Menschen können das Reich des Guten nicht aus eigener Kraft errichten. Wo wir es versucht haben, schlug das vermeintlich Gute nur allzu schnell um in das krasse Gegenteil. Es sollte ein Reich des Lichtes und der Gerechtigkeit werden, aber es entstand unzählige Male ein Reich des Unrechts und der Dunkelheit. Das weiss auch Jesaja. Der entscheidende Satz seiner Zukunftsvision lautet deshalb: In jenen Tagen wird es der Spross aus der Wurzel Jesse sein, der dasteht als Zeichen für die Nationen. Was Jesaja so bildhaft macht, ist dies: Er bindet die Hoffnung auf eine bessere Welt, auf eine Welt des Friedens und des Lebens an Gott, genau genommen an den Messias. Er allein ist der Garant einer neuen, einer besseren Welt, weil wir von ihm lernen können, was wahre Menschlichkeit ist, und weil wir von ihm her erfahren dürfen, was göttliche Verheissung und göttliche Möglichkeit sind.

Eine bessere Welt können wir uns nicht selber basteln. Das heisst übrigens nicht, dass wir nicht alle aufgerufen wären, mitzuwirken, dass diese Welt ein Stück besser, ein Stück wärmer wird. Aber ihre Vollendung bleibt Gottes Sache. Genau darum geht es im Advent. Dass wir wieder neu die Hoffnung wagen. Alles auf ihre Karte setzen. Und dass wir uns nicht entmutigen lassen, sondern sehnsüchtig Ausschau halten nach Gottes Spuren in dieser Welt. Gottes Spuren, die uns heute schon erkennen lassen, was morgen um so viel besser sein wird.

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