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Vielerorts werden in den katholischen Kirchen auf den fünften Fastensonntag hin (auch Passionssonntag genannt) die Kreuze mit einem violetten Tuch verhüllt. Was hat das zu bedeuten, da doch gerade in der Fastenzeit und insbesondere in der Karwoche das Kreuz eher in den Vordergrund rückt? 

Nach einer alten Auslegung verbirgt oder «verhüllt» Jesus hinter dem Leiden und Sterben seine Gottheit. Der leidende Jesus tritt in den Vordergrund, er solidarisiert sich mit dem Leiden der Menschheit. Als Mensch empfindet er den Schmerz, den Auslieferung, Einsamkeit, Spott, ungerechtes Urteil und Folter verursachen. Und es drängt sich die schier unlösbare Frage nach dem Leid auf. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. 

Am Karfreitag wird das verhüllte Kreuz dann enthüllt und den Gläubigen zur Kreuzverehrung gezeigt. Was verehren wir in diesem Moment? Das wird mit dem Ruf bei der Kreuzenthüllung ausgedrückt: «Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen!» Das Heil der Welt, Christus. Mit dem Karfreitag ist noch nicht alles gesagt. Die Liturgie führt uns weiter zur Osternacht und zum Ostermorgen. 

Der Sinn der Enthüllung ergibt sich daraus. Sie will uns einen neuen Blick auf das Kreuz ermöglichen. Das Kreuz ist ein Zeichen für beides: das Leiden und der Tod, der alles infrage stellt. Aber auch die Perspektive über das Leiden und den Tod hinaus: die neue Wirklichkeit, als Antwort auf unsere Fragen. 

Die Kreuzverhüllung am Passionssonntag wird auch gedeutet in der Präfation, die bis zu den drei österlichen Tagen vom Leiden und Sterben, von der Grabesruhe und der Auferstehung des Herrn gebetet wird. Dort heisst es: «Im Kreuz enthüllt sich dein Gericht, im Kreuz erstrahlt die Macht des Retters, der sich für uns dahingab …» 

Das möchte das liturgische Brauchtum bewirken: einen neuen Blick auf das Kreuz. Die Bilder des Grauens, die sich uns durch die Medien von dem brutalen Überfall auf die Ukraine oder den Opfern des Krieges, des Hungers und der sozialen Ungerechtigkeit tagtäglich präsentieren, dürfen nicht zur Gewohnheit werden. Das Leid eines einzigen Menschen ist auch mein eigenes Leid und das Leid der Menschheit im Ganzen. 

Das ist nicht die ganze Wahrheit. Einer hat alles auf sich genommen und ist mit allen Leidenden durch die Hölle gegangen: Jesus Christus. Das Leid und der Tod sind grausam, aber nicht das Ende. Das enthüllt uns das Kreuz Christi. 

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