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Am 1. Oktober vor 500 Jahren verstarb der Bischof von Sitten. Er amtete auch als Kardinal und war Mitverfasser des Wormser Edikts sowie Käufer grosser Teile des heutigen Tessins. Seither hatte die Schweiz neun weitere Kardinäle. Ihre Aufgaben haben sich über die Jahrhundert stark verändert. Ein Ausblick und ein Rückblick. 

Stephan Leimgruber 

Kardinal ist ein geistlicher Titel der katholischen Kirche. Die damit verbundene ranghöchste Würde kann vom Papst prinzipiell jedem Getauften verliehen werden, seit 1917 nur einem Priester. Mit der Aufnahme ins Kardinalskollegium wird Mitverantwortung an der Leitung der Gesamtkirche übertragen. Jeder Kardinal ist bis zur Vollendung des 80. Lebensjahrs berechtigt, an der Papstwahl mitzuwirken und selbst gewählt zu werden. Diözesanbischöfe nehmen diese Aufgaben zusätzlich zur Diözesanleitung wahr, während Kurienkardinäle in den gesamtkirchlich angelegten Kongregationen Verantwortung übernehmen. Die Kreierung zum Kardinal geschieht durch Verkündung in einem Konsistorium der Kardinäle. Es gibt auch Kardinäle in pectore, das heisst Kardinäle, deren Name (in Ländern der Verfolgung) nicht bekannt gegeben wird. Der Titel Kardinal steht protokollarisch zwischen Vorname und Familienname; die Anrede lautet Eminenz. Gegenwärtig gibt es weltweit 226 Kardinäle. 131 sind unter 80 Jahren und somit wahlberechtigt. Papst Franziskus hat bisher 112 Kardinäle berufen, davon sind 82 wahlberechtigt. Am meisten Kardinäle haben Italien (48), die USA (16), Spanien (12), Brasilien (8), Deutschland (8), je 6 Frankreich, Mexiko und Indien, während Portugal 5 und Kanada 4 aufweisen. Mit der Berufung von Kardinälen, die mehrheitlich aus der südlichen Hemisphäre stammen, intendiert Papst Franziskus eine breitere weltkirchlich abgestützte Wahl seines Nachfolgers. 

Die Schweiz brachte bisher zehn Kardinäle hervor (vgl. Kasten). Ein Rückblick auf die Amtsträger gibt Einblick in Zeitgeist und offenbart den Wandel. 

Matthäus Schiner (1465–1522) 
Der früheste Schweizer Kardinal lebte in der Zeit zwischen Bruder Klaus (1417–1487) und Martin Luther (1483–1546) und ist deshalb so schwierig darzustellen, weil er massiv in die Kirchenpolitik und in das Weltgeschehen eingriff, was uns heute angesichts der Unterscheidung von Kirche und Staat irritiert. Schiner soll in der Schlacht von Marignano dabei gewesen sein. Als Kardinal hat er so sehr die Interessen des Papstes vertreten, dass er «Schlachtross des Papstes» genannt wurde. Matthäus wurde 1465 in Ernen geboren, besuchte Lateinschulen in Sitten und Como, empfing 24-jährig die Priesterweihe und wurde dann Kaplan, 1496 Pfarrer von Ernen, bald Domherr und Domdekan im Bistum Sitten. Am 13. Oktober 1499, also mit 34 Jahren, wurde er in Rom zum Bischof von Sitten geweiht mit der Aufgabe, die Kirche im Wallis zu erneuern und die Einheit im Volk wiederherzustellen. Schiner gründete Schulen, machte eloquent Politik und bezog klar Position gegen Frankreich. Als Vermittler von Papst Julius II. erzielte er ein Bündnis zwischen dem Papst und den zwölf eidgenössischen Orten. 1511 wurde Schiner zum Kardinal und zum päpstlichen Legaten ernannt. 1512 führte er die Eidgenossen zum Sieg über Frankreich bei Pavia und 1513 in Novara. Bellinzona und das Bleniotal kamen dank ihm zur Schweiz. Doch die Niederlage von Marignano (1515) bewirkte für ihn persönlich, dass er nicht mehr in sein Bistum Sitten zurückkehren konnte. Schiner knüpfte Kontakte mit Erasmus von Rotterdam und Huldrych Zwingli, war er doch humanistischer Bildung zugetan. Auf dem Reichstag zu Worms (1521) grenzte er sich gegenüber Martin Luther ab. Im Konklave nach dem Tod von Papst Leo X. (1522) kam er in die engere Wahl, stand dann aber dem gewählten Papst Hadrian zur Seite. Kardinal Schiner starb am 1. Oktober 1522 an der Pest und wurde in der Kirche Maria dell’Anima, Rom, beigesetzt. 500 Jahre nach seinem Tod gibt es in Ernen 2022 Theateraufführungen und Ausstellungen zu seinem Wirken!

Celestino Sfondrati (1644–1606)
Der zweite Kardinal – 200 Jahre nach Schiner – stammt zwar aus Mailand, aber er war ganz dem Kloster St. Gallen verpflichtet. Er besuchte mit zwölf Jahren die Schule der Benediktiner von St. Gallen in Rorschach und trat mit 16 in die Klostergemeinschaft St. Gallen ein (Ordensname Coelestin). Nach der Priesterweihe (1668) wurde er Novizenmeister. Der in Kirchenrecht Promovierte lehrte dieses Fach an der Fakultät der Benediktiner in Salzburg. Abt Gallus vom Kloster St. Gallen ernannte ihn zu seinem Generalvikar, und am 17. April 1687 wurde er zum Fürstabt von St. Gallen gewählt. Am 12. Dezember 1695 berief ihn Papst Innozenz XII. ins Kardinalskollegium. Nur neun Monate nach seiner Erhebung starb Kardinal Coelestin Sfondrati und wurde in der Kirche Santa Cecilia in Rom beigesetzt. Von ihm sind mehrere Werke gegen den Gallikanismus, ein dreibändiger Theologie- und ein Philosophiekurs für Mönche des Klosters St. Gallen veröffentlicht.

Gaspard Mermillod (1824–1892)
Der dritte Schweizer Kardinal (geboren in Carouge, Jesuitenschüler in Fribourg, Priester 1847) wurde als Weihbischof in Genf ausgewiesen (18. Februar 1873), weil die radikale Regierung bei seiner Ernennung zum Apostolischen Vikar mit Jurisdiktion in Genf einen Verstoss gegen die Bundesverfassung sah, welche für die Errichtung eines neuen Bistums das staatliche Plazet erforderte. Mermillod leitete die Diözese von Fernex/Frankreich aus. Zehn Jahre später intervenierte Joseph Déruaz bei Bundesrat Louis Ruchonnet, und so konnte Bischof Mermillod 1883 zurückkehren und als Diözesanbischof von Lausanne und Genf wirken. Papst Leo XIII. nahm ihn am 23. Juni 1890 ins Kardinalskollegium auf, in dem er noch zwei Jahre aktiv sein konnte. Mermillod leitete die «Union de Fribourg» und war vorbereitender Mitverfasser der ersten Sozialenzyklika «Rerum Novarum» (1891).

Charles Journet (1891–1974)
Noch im 19. Jahrhundert geboren in eine Kaufmannsfamilie, besuchte er das Collège Saint-Michel in Fribourg und empfing unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg die Priesterweihe (1913), danach arbeitete als Vikar in Carouge und in St. Peter, Fribourg. Er begegnete Jacques Maritain und begann mit theologischen Publikationen. Bischof Marius Besson ernannte ihn zum Dogmatikprofessor im Seminar Fribourg, wobei er Seelsorger in Genf blieb. Abbé Charles Journet setzte sich intensiv mit dem Judentum und mit ökumenischen Fragen auseinander. Er nahm 1947 an der Seelisberger Konferenz teil, gab dort gewichtige Voten ab, die zur Formulierung der Zehn Thesen von Seelisberg führten. Eine Biografie über Niklaus von Flüe fehlt nicht. In der Revue «Nova et Vetera» hatte er sein geistliches Führungsinstrument gefunden. 1947 ernannte ihn Papst Pius XII. zum Hausprälaten; 1960 berief ihn Johannes XXIII. in die Vorbereitungskommission des II. Vatikanums. Am 22. Februar 1965 ernannte ihn Paul VI. zum Kardinal. In der darauffolgenden vierten Sitzungsperiode des Konzils gab er mehrere Voten zur Religionsfreiheit ab. 

Benno Gut (1897–1970)
Der aus Reiden LU stammende Benediktiner Walter Gut wurde Ende des 19. Jahrhunderts in einer Lehrersfamilie gross, besuchte die Gymnasien in Luzern und Einsiedeln (Matura 1916) und studierte zunächst Musik an der Universität Basel. Profess 1918 in Einsiedeln, Ordination 1921. Das Theologiestudium in Sant’Anselmo, Rom, schloss er mit dem Doktorat in Theologie ab (1923), dem er ein Lizentiat in Bibelwissenschaften folgen liess (1934). Im Kloster nahm er eine Vielzahl von Aufgaben wahr, von der Seelsorge über Choralmagister, Präfekt, Leiter der Studentenmusik bis zum Dozenten an den ordenseigenen Hochschulen in Einsiedeln und in Sant’Anselmo. Er wurde 1947 zum Abt von Einsiedeln gewählt und 1959 zum Abtprimas der Benediktinischen Konföderation, was den Verzicht auf Einsiedeln bedeutete. Als Abtprimas wurde er 1960 Mitglied der vorbereitenden Konzilskommission, von 1962 bis 1965 Konzilsvater und 1967 zum Bischof geweiht. Papst Paul VI. kreierte ihn zum Kardinal (26. Juni 1967). Als solcher leitete er die Ritenkongregation und seit 1969 die Kongregation für die Sakramente.

Hans Urs von Balthasar (1905–1988)
Aus einer Luzerner Patrizierfamilie stammend, Gymnasium in Engelberg und Theologie im Jesuitenkollegium Feldkirch, studierte Hans Urs Germanistik und Philosophie. Er wurde mit der Arbeit «Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur» promoviert. 1927 entschloss er sich, Jesuit zu werden. Er studierte die Kirchenväter in Lyon à fonds unter der Führung von Henri de Lubac. 1936 wurde er zum Priester geweiht. In Basel lernte er die Ärztin und Konvertitin Adrienne von Speyr (1902–1967) kennen, mit der er die Johannesgemeinschaft gründete. Dies führte zu Missverständnissen und zum schmerzlichen Bruch mit dem Jesuitenorden (1950). Von Balthasar wurde Privatgelehrter und entwarf ein eigenständiges theologisch-spirituelles Werk, das – erst spät – weltweit grosse Anerkennung erhält und zu dem unzählige Doktoratsthesen erstellt werden. Sein Ansatz ist – im Vergleich zu Karl Barth – eine katholische dialektische Theologie. Im Zentrum steht Gottes Offenbarung und Menschwerdung. Seine Schriften haben der Theologie des Zweiten Vatikanums den Weg bereitet. Die «Offenbarung Gottes» hat er in einer Trilogie dargestellt: Herrlichkeit, Theodramatik und Theologik. Von Balthasar wurde Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission, 1984 bekam er den Preis Paul VI. und Johannes Paul II. ehrte ihn mit der Kardinalswürde, deren Verleihung am 28. Juni 1988 er sich durch den Tod am 26. Juni 1988 entzog. 

Georges Marie Cottier (1922–2017)
Der Dominikanerpater Georges Cottier aus Carouge GE setzte sich eingehend mit dem Atheismus auseinander, insbesondere mit Karl Marx und mit dem deutschen Idealismus in der Person Friedrich Hegels, und zwar aus thomistischer Sicht. Er trat in die Fussstapfen von Jacques Maritain (1882–1973) und des bereits erwähnten Theologen Charles Kardinal Journet. Tief eingegraben hat sich in das Bewusstsein der Kriegsgeneration die Katastrophe von «Auschwitz», die für das nationalsozialistische Programm der Auslöschung des Judentums steht. Seine Dissertation «L’athéisme du jeune Marx, ses origines hégéliennes» (1959–1969) war die Frucht seiner geistigen Arbeit. Cottier hatte das Privileg, das Zweite Vatikanische Konzil von nahe zu beobachten; er gab mit J. Maritain eine Reflexion über «Dynamik des Glaubens und des Unglaubens» (1963) heraus und stellte die Frage der Glaubwürdigkeit der Kirche im Buch «Die Evangelische Armut und das Antlitz der Kirche». Cottier verfasste ein Interview mit Roger Garaudy über «Christen und Marxisten» (1967). Als päpstlicher Haustheologe stand er Paul VI. und Johannes Paul II. nahe. Er gab im Vatikan mehrmals gewichtige Voten ab und erteilte öfter Exerzitien. Seine Befürwortung von «Humanae vitae» (Verbot künstlicher Empfängnismittel) irritiert auch 54 Jahre danach. 2003 wurde sein Wirken mit der Verleihung des Kardinalats belohnt.

Gilberto Agustoni (1922–2017)
Gilberto entstammt einer Tessiner Zolldirektorenfamilie und wuchs mit vier Brüdern in Schaffhausen auf. Er studierte Philosophie und Theologie in Rom und Fribourg (Dr. theol.), wurde unmittelbar nach dem Konzil Priester (wie auch zwei seiner Brüder) und setzte sich für die Katholische Aktion im Tessin ein. Mit 28 Jahren siedelte er nach Rom um und trat für über 60 Jahre in den Dienst des Vatikans, zunächst als Sekretar von Kardinal Ottaviani, dann engagierte er sich in der Umsetzung und Realisierung der Liturgiereform. Johannes Paul II. ernannte ihn 1994 zum Kardinal.  

Heinrich Schwery (1932–2021)
Heinrich stammt aus einer Grossfamilie in Saint Léonard. Schwerpunkt der Tätigkeit des Priesters Heinrich Schwery war die als Lehrer und Rektor der kantonalen Mittelschule von Sitten (1961–1977), nachdem er Mathematik und Physik an der Universität Fribourg studiert hatte. Mit 25 wurde er zum Diözesanpriester, mit 45 zum Bischof von Sitten geweiht. Diese Aufgabe nahm er 18 Jahre lang wahr, bis er aus gesundheitlichen Gründen das Amt niederlegen musste. 1991 wurde er von Johannes Paul II. ins Kardinalskollegium aufgenommen. Er nahm teil am Konklave von 2005, an dem Papst Benedikt XVI. gewählt wurde. Sein Wahlspruch war «Gottes Geist ist Freude und Hoffnung». In seinem Bistum war er längere Zeit befasst mit dem Problem des Traditionalisten Marcel Lefebvre sowie mit dem nahe gelegenen Priesterseminar. In diesen Problemen versuchte er eine vermittelnde Position einzunehmen.  

Kurt Koch (1950)
In Emmenbrücke 1950 geboren, Kantonsschule Luzern, Theologiestudium in Luzern und München mit Promotion über Wolfhart Pannenberg (1987). Vor und nach der Priesterweihe wirkte er als Seelsorger in Sursee und Bern, bald auch als Dozent am Katechetischen Institut Luzern. Habilitation über «Ethik des Lebens». 1995 wählte ihn das Basler Domkapitel zum Diözesanbischof, eine Aufgabe, die er 15 Jahre lang engagiert wahrnahm. 2010 bekam er von Papst Benedikt XVI. den Ruf zur Nachfolge von Walter Kardinal Kasper als Vorsitzender des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen. Damit verbunden war die Erwählung zum Kardinal im selben Jahr. Die entsprechenden Pflichten konnte er im Konklave 2013 nach dem überraschenden Rücktritt Benedikts XVI. wahrnehmen, nämlich die Mitwirkung an der Wahl in der Sixtinischen Kapelle von Papst Franziskus. Kurt Kardinal Koch arbeitet in sieben Kongregationen mit: in den Kongregationen für die religiösen Beziehungen zum Judentum, für die orientalischen Kirchen, für das Bildungswesen, für die Bischöfe und für die Glaubenslehre, dazu im Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog. Er begleitet den Papst bei diversen Begegnungen, wie die mit Patriarch Kyrill in Havanna (2016). Er hat unter anderem das Grosse Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland erhalten und über 60 Bücher verfasst. Beim nächsten Konklave könnte er in die engere Wahl kommen. 

 

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