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Den Anstoss, nachzufragen, wer Lydia eigentlich war, erhielt ich in keiner Predigt, sondern durch ein Arbeitsheft zu Lydia, von Kirchenfrauen herausgegeben. Seither gilt Lydia mein Interesse. Wir finden sie in der Apostelgeschichte (16,11-40).

Möglicherweise war Lydia eine freigelassene Sklavin, die von Lydien aus nach Philippi in Griechenland gewandert war. Dort nannte man sie wohl einfach die Lydierin: Lydia. Wahrscheinlich entstammte sie einer Familie gehobener Gesellschaft und hatte in ihre Sklavenschaft das mitgenommen, was ihr bei aller Demütigung niemand nehmen konnte: Bildung.

Lydien war ein Zentrum der Purpurfärberei. Die äusserst schmutzige Arbeit wurde fast nur von Sklavinnen und Sklaven ausgeführt. In Philippi jedoch ist Lydia die Purpurhändlerin mit Kontakten zur oberen Gesellschaftsschicht, denn nur in diesen Kreisen konnte man sich Purpurgewänder leisten. Lydia muss aber auch eine Frau gewesen sein, deren Interessen über Purpur, Besitz und Verdienst hinausgingen. Der Apostel Paulus trifft auf sie bei einer jüdischen Gebetsstätte inmitten einer Gruppe von Frauen.

Wo Paulus hinkommt, da spricht er von diesem Juden namens Jesus, der in Jerusalem gekreuzigt worden war. Ob man in der jüdischen Gemeinde wohl schon von ihm und den Geschichten seiner Auferstehung gehört hatte? Dies lässt der Text offen, aber dafür verrät er uns, dass Lydia, eine Gottesfürchtige, also eine am Judentum Interessierte, in grösster Aufmerksamkeit zuhört. Ihre Entscheidung steht: Sie verlangt die Taufe. Und sie bietet Paulus und seinem Begleiter auch noch eine Bleibe an für den Aufenthalt in Philippi.

Wir wissen nicht, wie lange Paulus in dieser multikulturellen Stadt geblieben ist. Es war ein Aufenthalt mit einigen Turbulenzen, die ihn vorübergehend ins Gefängnis brachten. Nach seiner Entlassung geht er mit seinem Begleiter geradewegs zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter (16,40).

Das heisst: In Lydias Haus hatte sich eine Gemeinde gebildet, Schwestern und Brüder im Glauben. Als Hausherrin ist sie – nach antikem Verständnis – auch die Vorsteherin der Anlässe innerhalb ihres Hauses. Wer wird in Lydias Haus die gemeinsamen Mahlfeiern mit Brot und Wein im Gedenken an den Gekreuzigten vorbereitet und geleitet haben? Lydia!  Wer denn sonst? Paulus ist abgereist.

Wer entschliesst sich, über Lydia so zu predigen, wie es ihr zukommt? Das wäre aktuell in der gegenwärtigen Kirchendiskussion.

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