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Die Initiative gegen Massentierhaltung betrifft ethische, ökologische und ökonomische Fragen. Der Luzerner Jurist Loris Fabrizio Mainardi führt hier in einer gekürzten Version aus, warum die Kirchen in diesen Fragen in einer Pflicht stehen.  

von Loris Fabrizio Mainardi

Während die einen darauf hinweisen, dass die Schweiz weltweit strengste Tierschutzrichtlinien kennt, mahnen die anderen, dass trotzdem 70 Prozent der «Nutztiere» während ihrer gesamten Lebenszeit keinen einzigen Tag Auslauf haben. Das sind über 500 000 Schweine, die zu zehnt auf der Fläche eines Autoparkplatzes und harten Betonböden gehalten werden; über 90 Prozent der Hühner, 73 Millionen, steht sogar nur je die Fläche eines A4-Blatts pro Huhn zu. Die einen plädieren für tiefe Preise und freien Markt, die anderen prangern die negativen Folgen von Massenproduktion und -konsum für Mensch und Umwelt an. Ob es banaler Zufall oder gleichsam höhere Fügung sein mag, dass der Abstimmungssonntag vom 25. September mit dem Festtag des Landespatrons Niklaus von Flüe zusammenfällt?

Schon am Anfang der Schöpfung schafft Gott Tiere wie Menschen und segnet sie (Gen 1,20-28). Freilich kommt dem Menschen «als Bild Gottes» eine besondere Stellung zu: «füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen» (Gen 1,28). Dieser Herrschaftsauftrag aber gilt keineswegs absolut oder gar absolutistisch:

«Das Erste, was den Mutterschoss durchbricht, jeder männliche Erstling beim Vieh, bei deinen Rindern und Schafen, gehört mir» (Ex 34,19). «Denn mir gehört alles Wild des Waldes, das Vieh auf den Bergen zu Tausenden. Ich kenne alle Vögel der Berge, was sich regt auf dem Feld, ist mein Eigen» (Ps 50,10f.).

Damit erweist sich der Mensch weniger als Eigentümer denn als Hüter der ihm anvertrauten Tiere, die er wohl zu Arbeit und Ernährung massvoll nutzen, aber nicht ausnützen darf. Dass sich die pflichtgemässe Fürsorge für die anvertrauten Tiere in der persönlichen Bindung widerspiegelt, deutet die bekannte Natansparabel (2 Sam 12,2 -5). Pointiert ausgedrückt: «Der Gerechte weiss, was sein Vieh braucht, doch das Herz der Frevler ist hart» (Spr 12,10). Letztere ermahnt der «Prediger»: «Was die einzelnen Menschen angeht, dachte ich mir, dass Gott sie herausgegriffen hat und dass sie selbst erkennen müssen, dass sie eigentlich Tiere sind. Denn jeder Mensch unterliegt dem Geschick und auch die Tiere unterliegen dem Geschick. Sie haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht» (Koh 3,18-21).

Dem Bild des eigensüchtigen Halters setzt schon das Alte Testament jenes des Guten Hirten entgegen, der seine Tiere in Fürsorge leitet. So zeigt sich denn im Bild des Guten Hirten – als Mensch Gottes Ebenbild – eben Gott selbst: «Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam» (Jes 40,11). In den Guthirt-Gleichnissen des Neuen Testaments wird schliesslich betont, dass es dem Guten Hirten nicht nur um die Sorge für die Herde als Ganzes, sondern jedes einzelne Wesen geht. Wenn in der Philosophie des «christlichen» Abendlandes das Wohl der Tiere einerseits mit ihrer Leidensfähigkeit, andererseits dem menschlichen Mitgefühl postulierte, spiegeln sich darin wesentliche der erwähnten biblischen Gesichtspunkte wider:

«Nach der Zuneigung der Leidenschaft wird der Mensch indes auch von Empfindung den Tieren gegenüber bewegt, denn da aus dem Unglück anderer das Mitgefühl entsteht und die Tiere gleichfalls Schmerzen verspüren, kann im Menschen auch eine Regung des Mitgefühls mit den Schmerzen der Tiere aufkommen. Es liegt aber sehr nahe, dass derjenige, der mit den Tieren Mitgefühl zeigt, daraus empfänglicher wird für Gefühle des Erbarmens den Menschen gegenüber» (Thomas von Aquin, Summa I-II, 102, 6).
Für Edith Stein, die angesichts der Problemstellungen der modernen Technik das Spannungsfeld von philosophischer Phänomenologie und christlicher Dogmatik zu wegweisenden Denkansätzen fruchtbar machte, ist der Mensch sowohl wegen seines Mitgefühls zum Tier – das er selbst auch ist – als auch seiner besonderen mentalen Fähigkeiten zu grösster Verantwortung verpflichtet (Welt und Person, S. 169 u. 171).

Der – bekanntlich weitgehend von Joseph Ratzinger verfasste – Katechismus der Katholischen Kirche bringt in ebenso schönen wie klaren Worten zum Ausdruck, wie die nachkonziliare Kirche den menschlichen Umgang mit Tieren ethisch begründet (339 f.; 2415 f.). Und auch Papst Franziskus geht in seiner zweiten, dem christlichen Umgang mit Natur und Umwelt gewidmeten Enzyklika «Laudato si’» auf die Geschöpflichkeit der Tiere ein (122 f.; 155; 221 u. 226). Zurück zur Abstimmung vom 25. September: Auch Bruder Klaus war in seiner Zeit vor dem Eremitenleben Tierhalter: Der – im Gegensatz zur gemeinsamen «Allmend» – als «Bitzi» und «Ifang» eingezäunte Privatbesitz beschränkte sich bei einer damaligen Unterwaldner «Hofstatt» auf eine Fläche für die Haltung von zwei Kühen, einigen Kälbern sowie einem Pferd.
Seine Brunnenvision ist bekannt wie aufschlussreich: Er staunte, dass aus einem Brunnen, «aus dem Wein, Öl und Honig fliessen», niemand zu schöpfen hinging, «was doch leicht gewesen wäre, da er doch allen gehörte». Daneben sah er in einem umzäunten, nur gegen Eintrittsgeld zugänglichen Gehege «eine grosse Menschenmenge … so viel zu arbeiten hatten und doch arm blieben». Das Gleichnis liest sich – gute 500 Jahre vor Dürrenmatts «Die Schweiz, ein Gefängnis» – als Kritik an den lokalgesellschaftlichen Strukturbrüchen des frühneuzeitlichen Kapitalismus und hallt in der Bruder Klaus zugeschriebenen, heute von rechten Kreisen bekanntermassen ganz anders kontextualisierten Weisung wider: «Machet den zun nit zuo wit!»

Nikolaus von Flüe war ein Mann der wenigen Worte, aber tiefen Gedanken. Den spirituellen Hintergrund von Bruder Klaus prägte besonders auch die Tradition der spätmittelalterlichen «Gottesfreunde»-Bewegung, welche den süddeutschen Mystiker Heinrich Seuse – inspiriert vom Sonnengesang des Franz von Assisi – beten liess («Ich Bruder Klaus» von Pirmin Meier): «Aller Tierlein und Vöglein und Gottes unscheinbarer Kreaturen Mangel und Trauer, so ich das sah und hörte, ging mir an mein Herz, und so ich ihnen nicht helfen konnte, bat ich den obersten milden Herrn, dass er ihnen helfe.» Darin heute «letzte Folgerungen aus dem von Christus gestifteten Verhältnis zur Welt» zu sehen und zu beklagen, «wie weit sind wir hinter ihnen geblieben!», ist freilich mehr als eine Abstimmungsparole.

Hier zur integrale Fassung mit ungekürzten Bibel-Zitaten

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