Der Jesuit und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin, der im April 1955 verstarb, dachte über die menschliche Existenz hinaus. Für ihn war die Schöpfung noch nicht abgeschlossen. Sie vollendet sich noch – ohne Menschen, nur mit deren Hinterlassenschaft.

Christian Feldmann

 

Zu Teilhards Lebzeiten durften seine zahlreichen Bücher nicht erscheinen. Gedruckt wurden nur seine paläontologischen Fachaufsätze. Als der Visionär die Bahnen traditioneller Theologie verliess, den Menschen das bewussteste Molekül in der Geschichte des Universums nannte und Gott die Seele der Evolution, schickten ihn seine Ordensoberen buchstäblich in die Wüste. Ein Drittel seines Lebens war er rastlos in den asiatischen Steppen unterwegs – immer auf der Suche nach Spuren urzeitlichen Lebens.

Als der Vatikan ein halbes Jahrhundert nach Teilhards Tod 1981 zu einer vorsichtigen Rehabilitierung ansetzte und dem lange ungeliebten Sohn der Kirche «scharfsinnige Wahrnehmung» und «unleugbaren religiösen Eifer» bescheinigte, hatten die Glaubenswächter vor allem sein letztes grosses Buch im Auge, «Der Mensch im Kosmos» («Le Phénomène humain»), das er selbst als ein Resümee seiner universalen Weltschau betrachtete – mit der Einschränkung, man dürfe es «nicht lesen, als wäre es ein metaphysisches Werk, und noch weniger wie eine Art theologischer Abhandlung, sondern einzig und allein als naturwissenschaftliche Arbeit».

Für Teilhard ist der Mensch ein wunderbares Rätsel. Einerseits «Achse und Spitze» aller Entwicklung des Lebens und die jüngste und «farbenreichste» seiner Schichten: Die schönste Entdeckung für das denkende Menschenwesen sei wohl die, «dass es nicht einsam in den Einöden des Weltalls verloren ist, sondern dass ein universeller Lebenswille in ihm zusammenströmt und sich in ihm vermenschlicht». Andererseits gebe es keinen Anlass, ein Säugetier oder sogar den Menschen für fortgeschrittener und vollkommener zu halten als die Biene oder die Rose. In demütigem Staunen habe der Mensch einzusehen, dass er nur eine der vielen Formen des Lebens sei und noch dazu die zuletzt gekommene.

In einem kühnen Entwurf zeichnet Teilhard – am Pariser Institut catholique hatte er einen Lehrstuhl für Geologie innegehabt – die Evolution der Materie, die allmähliche Verdichtung der Atome und Moleküle und schliesslich die Entstehung des Lebens auf der noch jugendlichen Erde nach und kommt zu dem Ergebnis: Das Leben habe ein Ziel, die Entwicklung habe eine Richtung. Und hier, am vorläufigen Ende des evolutiven Prozesses, nimmt der von Teilhard so illusionslos in die Gesamtentwicklung des Lebens eingebettete Mensch eben doch eine Sonderstellung ein: Ichbewusstsein hat nur der Mensch, und indem er dank dieses reflektierenden Bewusstseins immer mehr er selbst wird, entwickelt er Persönlichkeit.

Fertig sind die Schöpfung, die Evolution, der Mensch noch keineswegs. Die Achse der Evolution verlaufe durch den Menschen hindurch, erreiche in ihm aber noch nicht ihren Endpunkt. Die ganze Evolution sei im Grunde nur der zielsichere Aufstieg zu dem Punkt, an dem Christus – wie Paulus sagt – «alles in allem» sein wird. Am Ende der Evolution sieht er eine kosmische Harmonie: Alle Dinge nähern sich einander, um sich endlich in Gott zu versöhnen und zu vollenden.

Teilhard de Chardin hat sich nie als Chefideologe eines geschlossenen Weltsystems verstanden und sich kritische Korrekturen gewünscht. Widerspruch und bohrende Fragen erntete er keineswegs nur von furchtsamen Kirchenzensoren, sondern auch von Fachkollegen aus Naturwissenschaft und Theologie. Problematisch erscheint es, wenn er die Leidensgeschichte der Menschheit zum notwendigen Schatten der Evolution erklärt; jedes tastende Voranschreiten müsse eben mit Wunden und Misserfolgen bezahlt werden. Bestürzend ist seine Fehleinschätzung der Kernspaltung: Damit beginne die Menschheit, die Materie endgültig in den Griff zu bekommen, und Kriege werde es bei einem so verheerenden Übermass an Zerstörungskräften nun wohl nicht mehr geben. Dennoch hat der Päpstliche Rat für die Kultur 2017 vorgeschlagen, Teilhard de Chardin zu rehabilitieren.