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Ein kleines Büchlein von Georg Schwikart hat mich in den letzten Wochen angesprochen. Darin begibt sich der Autor auf biblische Spurensuche nach dem Atem. Da der Atem eine wichtige Rolle spielt in unserem Zentrum für Spiritualität, bin ich neugierig geworden. In über 100 Schriftstellen wird Schwikart fündig.  

Für die Menschen in der Heiligen Schrift, so werde ich erinnert, ist der Atem Sinnbild für Gottes Lebenskraft, die uns ins Dasein ruft und uns erhält. Im zweiten, wohl älteren Schöpfungsbericht ist es nicht das Wort, das den Menschen ins Leben ruft. Gott formt den Menschen aus dem Staub des Erdbodens und bläst in seine Nase den Lebensatem ein (Gen 2,7). In biblischer Sicht ist es Gottes Leben, das in uns atmet. Das hebräische Wort für Atem – nefesch – umfasst dabei viel mehr als nur den Atem. Es steht für die Personmitte des Menschen, für das Ich und das Selbst. So lässt uns schon die Schöpfungsgeschichte dafür sensibel werden, dass wir den Atem nicht einfach besitzen, willkürlich manipulieren können. Der Atem verweist uns immer auch auf eine andere, grössere Wirklichkeit.  

Der Atem Gottes ist schöpferisch. Es sind insbesondere die Psalmen, die seine Schöpferkraft rühmen. Der Hauch Gottes erschafft die Himmel, legt die Fundamente der Erde frei, lässt die Bäche fliessen (Psalm 33,6; Psalm 18,16). Diese Schöpferkraft steht nicht nur am Anfang des Lebens, sie trägt uns in jedem Moment: «Verbirgst du Dein Angesicht, sind sie verstört, nimmst Du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub. Du sendest Deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und Du erneuerst das Angesicht der Erde» (Psalm 104,29 ff.).  

Vor der Macht und Herrlichkeit Gottes ist der Mensch nur ein Luftzug (Psalm 90,39). Der Mensch ist wie ein Hauch, sein Leben ein vorüberhuschender Schatten. Selbst wenn das Leben erfüllt war, glücklich und erfolgreich. Unser Leben geht doch zu Ende.  

Doch es ist der menschenfreundliche, gemeinschaftsstiftende Gott, der uns immer wieder aufatmen lässt. An sechs Tagen gehen wir unserer Arbeit nach. Doch am siebten Tage soll der Mensch ruhen, auch sein Vieh, auch der Fremde und der Sklave sollen wieder zum Atem kommen (Ex 23,12). Und Gott hat es uns vorgemacht. In sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde geschaffen. Am siebten Tage ruhte er und Gott atmete auf (Ex 31,16).  

Zu Beginn der Meditation laden wir unsere Gäste im Lassalle-Haus oft zu einer Körperwahrnehmung ein. Wie spüre ich das Kissen oder den Stuhl, auf dem ich sitze, meine Beine, meinen Oberkörper? Dann lenken wir die Aufmerksamkeit auf unseren Atem. Das Atmen ist aktiv und passiv zugleich. Das achtsame Wahrnehmen der Atembewegung lässt uns aufmerksam werden für die empfangende, zulassende Dimension unseres Lebens. In sanfter Weise können wir erfahren, dass all unsere Aktivität von dieser Dimension des Zulassens begleitet und getragen ist. Diese kleine Übung kann uns auch im Alltag helfen, gerade dann, wenn wir angespannt sind, wieder zur Ruhe zu kommen und uns getragen zu fühlen. So können auch wir aufatmen.

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