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Während das Bistum Chur einen Fragenkatalog für alle Mitarbeitenden entwickelt hat, setzt das Bistum Basel auf jährliche obligatorische Fortbildung in diesem Bereich. Wie kann das Vertrauen zurückgewonnen werden? Mit welchen Problemstellungen und Strategien werden mitarbeitende Frauen und Männer konfrontiert? 

Stephan Leimgruber

Die Schweizer Bischofskonferenz hat in den letzten 40 Jahren, von 1980 bis 2021, insgesamt 380 Meldungen erhalten, die Übergriffe und sexuellen Missbrauch eingeklagt haben. Betroffen waren Erwachsene wie auch Jugendliche und etwa 120 Kinder unter zwölf Jahren. Es gab «geringfügige», «mittlere» und «schwere» Verbrechen. Täter – meistens Männer, aber auch einige Frauen – waren vorwiegend Priester, Ordensleute und Laien im kirchlichen Dienst. Bei schweren Vergehen können die Auswirkungen für die Opfer verheerend sein, weil sie sich oft lebenslang schwertun im Umgang mit ihrer Leibhaftigkeit und Sexualität, im Zulassen von Gefühlen und vor allem in der Gestaltung der persönlichen Beziehungen. Welche Erkenntnisse sind heute unhintergehbar und nötig für die Ausübung eines pastoralen Berufs? 

Es geht zuerst um eine lautere verantwortungsbewusste Grundhaltung in diesen Fragen, die keine Vertuschung duldet und die Opfer nicht mehr einfach abwimmelt, sondern ernst nimmt. Das setzt voraus, dass eine gute und belastbare Beziehung zum eigenen Leib und zur Seele des Menschen gefunden worden ist. Bei Übergriffen, so wird neu bewusst, handelt es sich in der Regel um ein autoritatives Gefälle oder eine Abhängigkeit, die früher zu wenig beachtet wurde. Es geht mit anderen Worten um «asymmetrische Beziehungen» und ein bestimmtes Machtgefälle. Ein Gruppenleiter im Lager, eine Ordensfrau in einem Internat oder ein Priester in der Sakristei oder auf dem Pfarreiratsausflug, all diese Personen agieren in diesen Situationen in der Funktion von Leitenden. Sie sind bei Grenzüberschreitungen und Grenzverletzungen voll verantwortlich. Bisher hat an einigen kirchlichen Standorten das Bewusstsein gefehlt, dass die Teilnehmenden alle «Untergebene» und von der Leitungsperson abhängig sind. Geschieht ein sexueller Missbrauch, handelt es sich sehr häufig um einen Machtmissbrauch. Die Sensibilität fehlte für die Wahrnehmung der Abhängigkeit. Die Verantwortlichen stehen auf der «Machttreppe» immer zuoberst und die den Leitenden Anvertrauten stets zuunterst. So lässt sich sexueller Missbrauch als Machtmissbrauch mittels sexueller Handlungen definieren, welche das Opfer an Leib und Seele verletzen. Es kommt zu übergriffigen Äusserungen, zu gewollten oder ungewollten Berührungen und zu Taten wider Willen. Die Täter «erniedrigen» jemanden, um sich selbst zu «erhöhen». Präventionsarbeit macht sensibel für Situationen mit Gefälle und deckt Abhängigkeiten auf. 

Grooming
Wenn die Frage gestellt wird, wie es es zu sexuellen Übergriffen kommt, ist zu bedenken: Sexueller Missbrauch geschieht nicht aus heiterem Himmel. Die Täter, seltener auch Täterinnen, bereiten sich vielmehr beim Opfer den Boden, um die Tat möglichst unauffällig zu vollbringen. «Grooming» ist ein Begriff aus der Gärtnersprache und meint: den Boden bereiten. Auf der menschlichen Ebene geht es um die Annäherung und darum, Vertrauen zu schaffen. So werden Opfer von langer Hand ausgespäht und geheime Situationen ausgewählt. Oft wird dem Opfer Schweigen auferlegt, was Angst und ungute Gefühle mit sich bringt.  

Selbstverpflichtung
Bereits bei einer Neuanstellung im Bereich der Kirche wird heute das Thema des Umgangs mit Nähe und Distanz angesprochen. Die Bewerbenden müssen sich über einen professionellen Umgang in solchen Situationen ausweisen und unaufgefordert einen Privatauszug und einen Sonderprivatauszug aus dem Strafrechtsregister mitbringen. Sie müssen sich auch verpflichten, in schwierigen Situationen mit Kindern fehlbares Verhalten zu thematisieren und die Kinder darauf hinzuweisen, übergriffiges Verhalten an den andern zu unterlassen. Jedes Kind entscheidet darüber, welche Berührungen es zulassen will und welche nicht. 

Interventionen unter Erwachsenen
In einem Pastoralraum sollte ein Team von Vertrauenspersonen benannt werden, die Klagen wegen Übergriffen oder sexuellen Missbrauchs entgegennehmen und Ansprechpartner sind. Sie stehen in Kontakt mit den diözesanen Missbrauchsbeauftragten und mit Zuständigen der kantonalen Behörden. Der Weg bei einem Vorfall sollte klar sein. Nicht einig ist man sich, wie schnell die Polizei ins Benehmen zu setzen ist. Es darf auch keinem Klima des Misstrauens Vorschub geleistet werden. Erwachsene und Kinder haben das Recht, NEIN zu sagen und unerwünschte Annäherungen abzulehnen wie auch verletzende Worte einzuklagen. Es braucht eine wechselseitige Wertschätzung und eine Haltung der Aufmerksamkeit. Oft kann übergriffiges Verhalten nicht angemessen thematisiert und richtig eingeordnet werden. 

Die Fortbildung im Bistum Basel von vergangenem November brachte die Erkenntnis, dass es sich hier um ein Gebiet handelt, dem früher zu wenig Sorge getragen und bei dem zu vieles unter den Tisch gekehrt wurde. Jede Person braucht in einem gewissen Ausmass Nähe und Distanz, insgesamt tiefe, gedeihliche und gelingende Beziehungen. Der Glaube sorgt sich um das Wohlergehen der ganzen Person. Ebenso klar wurde, dass mit der Fortbildung noch nicht alle Fragen (zum Beispiel der Gewalt) beantwortet sind und Probleme gelöst werden. 

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