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Die internationale Solidarität mit der von Russland angegriffenen Ukraine ist beeindruckend. Die grenzüberschreitende Solidarität nahm vor 200 Jahren ihren Anfang. Damals zeigten sich viele Menschen in Europa solidarisch mit einer kleinen Nation, die um ihre Selbstbestimmung kämpfte: die Griechen.

von Mechthild Zimmermann

Das 19. Jahrhundert gilt in Europa als Zeitalter des Nationalismus. Die ständische Gesellschaft mit ihrer fixen Gliederung in Adel, Klerus, Bürger und Bauern löste sich endgültig auf. In der sich neu formierenden bürgerlichen Klassengesellschaft mit all ihren Gegensätzen und Unsicherheiten gab es eine einende Kraft: die Idee der Nation, wonach Menschen auf einem bestimmten Territorium eine Gemeinschaft bilden. «Aber gleichzeitig war es eine Zeit, in der sich der Internationalismus ebenfalls sehr stark entwickelt hat», sagt Caroline Moine. «Es lässt sich beobachten, dass Beziehungen zwischen Menschen entstehen, die sich trotz geografischer und kultureller Entfernung gemeinsamer Interessen bewusst sind. Und daraus erwächst ein Gefühl der Verpflichtung, zu handeln und die anderen zu unterstützen.» Die Historikerin hat am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung im Forschungsbereich Geschichte der Gefühle geforscht und lehrt aktuell an der Universität Paris-Saclay. Im Rahmen des Forschungsprojekts «Politik mit Gefühl» hat sie sich mit den Ursprüngen der internationalen Solidarität befasst. Ein wesentlicher Ausgangspunkt war nach ihren Erkenntnissen der sogenannte Philhellenismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Anfangs waren es nur einige Adlige und Bildungsbürger, die sich für das antike Griechenland begeisterten und mit den Griechen sympathisierten, die 1821 begonnen hatten, für ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich zu kämpfen. Als allerdings osmanische Soldaten im April 1822 auf der Insel Chios ein Massaker an der griechischen Bevölkerung verübten, entwickelte sich der Philhellenismus zu einer europaweiten Solidaritätsbewegung, wie Moine historischen Quellen entnommen hat. Der Begriff Solidarität ist allerdings erst später entstanden und wurde vor allem im Kontext der Arbeiterbewegung verwendet. Zur Zeit der griechischen Unabhängigkeitsbewegung knüpfte die Unterstützung vor allem an die christliche Tradition und deren Gebot der Nächstenliebe an.

In Zürich, Stuttgart, London, Madrid und Paris gründeten sich philhellenistische Unterstützungskomitees, die Spenden sammelten und Lobbyarbeit für die griechische Sache machten. Gemälde, Lieder, Gedichte und Pamphlete thematisierten den griechischen Freiheitskampf. «We are all Greeks», heisst es etwa in einem Gedicht des britischen Schriftstellers Percy Bysshe Shelley, der die Wurzeln des europäischen Rechts, der Literatur, der Religion und der Künste im alten Griechenland verortete.

Caroline Moine hat analysiert, wie die Region am südöstlichen Rand Europas in kurzer Zeit die Sympathien einer breiten Öffentlichkeit gewinnen konnte. Ein Faktor war die antike griechische Kultur, die den humanistisch gebildeten europäischen Eliten als Referenzpunkt galt. Dazu kam eine romantische Verklärung des Mittelalters mit seinen Kreuzzügen. «Es gab eine Faszination für die morgenländische Kultur und gleichzeitig eine tiefe Abscheu», erklärt die Historikerin. «Die Ereignisse in Griechenland haben letztlich dazu geführt, dass der mittelalterliche Kampf des Christentums gegen eine muslimische Welt von Barbaren und Schurken wieder zum Leben erweckt wurde.» Tatsächlich gab es Aufrufe, nach Griechenland in einen heiligen Krieg zu ziehen; Hunderte Freiwillige aus Deutschland, der Schweiz, Italien, England und Frankreich folgten ihnen. Ein weiterer Faktor waren politische Motive: Anhänger liberalistischer Ideen sahen das griechische Beispiel als Möglichkeit, ihre eigenen Werte zu verbreiten.

Die scheinbar eindeutigen Rollenbilder in dem Konflikt – auf der einen Seite die edlen unterdrückten Griechen, auf der anderen Seite die gnadenlosen herrschsüchtigen Osmanen – trugen ebenfalls dazu bei, dass sich zahlreiche Europäer für die griechischen Anliegen einsetzten. Tatsächlich sei die Lage in Griechenland ambivalent gewesen, sagt Moine: «Wenn man die Ereignisse als Historikerin betrachtet, sieht man, dass alles viel komplexer war. Auch wenn das möglicherweise gegen Vorstellungen verstösst, die bereits tief in der kollektiven Wahrnehmung verankert sind.» So war das Massaker auf der Insel Chios zweifellos ein brutales Verbrechen der osmanischen Soldaten. Allerdings hatten griechische Truppen zuvor auf dem Peloponnes ebenfalls Tausende türkische Zivilisten ermordet.

Mobilisierung über die Medien
Eine wesentliche Voraussetzung, um viele Menschen zu mobilisieren, war und ist, das Interesse der Medien zu wecken. «Man braucht einen oder mehrere Vorfälle, die man beschreiben und ganz konkret abbilden kann. Und die deutlich machen, um was es geht und wo die Fronten verlaufen.» Was auf Chios 1822 geschah, passt genau in dieses Schema. Das galt auch für andere Ereignisse in der Geschichte der internationalen Solidarität, etwa auch im Kontext der Arbeiterbewegung. Ein wichtiges Ereignis war die Erschiessung demonstrierender Arbeiter durch die Polizei Anfang Mai 1886 auf dem Haymarket in Chicago. Das Gedenken an die Opfer war der Anlass dafür, den 1. Mai weltweit zum Kampftag der Arbeiterbewegung auszurufen.

Der Erste Weltkrieg und die Aufsplitterung der Bewegung in Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten schwächten zwar vorübergehend die internationale Solidarität unter Arbeitern. Doch mit dem Spanischen Bürgerkrieg, ausgelöst durch den Putsch von General Franco 1936, wurde die Arbeiterbewegung stärker denn je. Solidaritätskomitees sammelten nicht nur Geld und Waffen und organisierten humanitäre Hilfe, insbesondere für spanische Flüchtlingskinder. Kommunistische Parteien verschiedener Länder rekrutierten auch freiwillige Kämpfer und stellten unter Führung ihrer Dachorganisation Komintern die Internationalen Brigaden auf, die in Spanien gegen Francos Anhänger kämpften.

Gemeinsame Werte stehen auf dem Spiel
Eine zentrale Erkenntnis aus allen Solidaritätsbewegungen ist, dass sie auf gemeinsamen Werten basieren. «Was da im Ausland passiert, betrifft uns auch», betont Caroline Moine, «das sind unsere Werte, die auf dem Spiel stehen. Und wenn man sie dort jetzt nicht verteidigt, könnte es zu spät sein, sie im eigenen Land zu verteidigen.» Damit erklärt sich auch die Solidarität der Europäer mit den Griechen im 19. Jahrhundert: So stark das Nationalbewusstsein damals gewesen sein mag – das zugrunde liegende Ideal war das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das erst viel später im Völkerrecht festgeschrieben werden sollte. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine steht es nun, 200 Jahre nach der griechischen Unabhängigkeitsbewegung, wieder auf dem Spiel.

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