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Am kommenden Wochenende wird in der Schweiz über mehrere Vorlagen abgestimmt. Im Vorfeld führt das oft auch zu Diskussionen, ob sich Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen in politische Themen einmischen dürfen. Markus Muff, Benediktiner und Direktor für Entwicklung in der Römer Zentrale, erklärt, was bei dieser Frage zählt.

In den letzten Monaten haben sich in der Schweiz etliche Themen ergeben, die zu Diskussionen führten, wie und auf welcher Ebene die Vertretungen von Kirchen sich in die politische Meinungsbildung einbringen sollten. Einige Stellungnahmen gingen so weit, den offiziellen Vertretern jede Einmischung in die Politik vorzuwerfen. Zur Erinnerung sind nur einige Themen angeführt: Ehe für alle, Konzernverantwortungsinitiative oder zurzeit die ethischen Fragen um Impfungen oder Tierversuche.

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Ebenen, die bedacht werden sollten: Die Religion ist eine der grossen kulturellen Wurzeln unserer Gesellschaft. Es kann nicht hilfreich sein, sich ohne Kenntnisse der eigenen Geschichte und der eigenen Herkunft durch die Welt zu bewegen. Die Befragung unserer Geschichte und der gesunden Tradition bei wichtigen aktuellen Themen kann zumindest eine Grundlage bilden für eine differenzierte Diskussion. Unsere Vorfahren hatten Methoden entwickelt, wie man an schwierige Fragen herangehen kann. Diese Methoden wurden weitgehend von Philosophen und Theologen erarbeitet. Sie sind das Resultat grosser gedanklicher Arbeit. Diese Methoden basieren auf Systemen der Logik, der genauen Analyse und der grundsätzlich ergebnisoffenen Resultate. Es wäre nicht ratsam, auf die Ergebnisse dieser Vorarbeit zu verzichten.

Einmischung unerwünscht
Seit Langem ist es verpönt, dass Kleriker und andere VertreterInnen der Kirchen sich in Parteipolitik einmischen. Das Argument ist einleuchtend: Die Kirche soll allen Gläubigen unabhängig von ihrer politischen Einstellung offen sein. Religion und Kirche haben also keine Notwendigkeit, sich in die parteipolitische Meinungsbildung einzubringen. Die Kirchenvertreter sind deswegen nicht unpolitische Menschen; aber sie nehmen zu sachpolitischen Fragen als Privatpersonen Stellung. Das ist unabdingbar – die persönliche politische Meinung ist zu respektieren! Kirchliche Repräsentanten dürfen daher nicht vom politischen Diskurs ausgeschlossen werden, solange sie ihre private politische Ansicht einbringen; dabei ist eine gewisse Zurückhaltung hilfreich.

Es stellt sich noch eine weitere Frage. Ist die Botschaft Jesu, also das Evangelium, eine völlig apolitische Botschaft? Das zu behaupten wäre naiv. Jesus hat in etlichen Situationen klar Stellung bezogen, seine Botschaft ist in gewissen Fragen also auch politisch relevant. Doch ist die Predigt Jesu wenig geeignet, um auf schwierige Themen wie Atomkraft, CO2-Eindämmung, Verkehrspolitik oder Corona-Massnahmen etc. eine eindeutige Antwort zu geben. Die Lebenswelt Jesu war eine völlig andere und die Fragestellungen der Menschen waren vor 2000 Jahren ebenfalls andere. Dennoch lassen sich aus der Predigt Jesu und aus seinem Handeln bestimmte Grundhaltungen ableiten. Diese Grundhaltungen müssen unbedingt mitbedacht werden, wenn wir Christinnen und Christen uns Gedanken zu aktuellen politischen Themen machen. Um es auf einen Satz zu verkürzen: Parteipolitik ist nicht Aufgabe der Kirchen – Sachpolitik sollte so erörtert werden, dass dabei Predigt und Handeln Jesu unseren Massstab bilden.

Das ist eine Regel, die sich leicht aufschreiben lässt – eine Regel jedoch, die in seltenen Fällen eindeutige Antworten auf aktuelle politische Probleme bereithält. Wer im Namen des Evangeliums Politik machen will, sieht sich also enttäuscht: Das Evangelium und darauf aufbauend die Lehre der Kirche geben zu den meisten politisch umstrittenen und relevanten Fragen keine passenden und pfannenfertigen Lösungen. Wer im Namen des Evangeliums meint, auf politische Meinungsbildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs verzichten zu müssen, sieht sich ebenfalls enttäuscht: Das Evangelium ist keine apolitische Schrift. Im Gegenteil: Die religiös-ethische Haltung eines jeden Menschen ist von grundlegender Bedeutung. Das sollte auch Auswirkungen auf das politische Handeln haben.

Somit dürfte das politische Engagement der Kirchen und ihrer Vertretungen einigermassen umrissen sein. Die Gewissensbildung, der Einbezug der Bibel und der Tradition in die eigene Haltung sind eine Aufgabe, der sich keine Christin und kein Christ entziehen kann. Man muss sich hüten, die eigene politische Überzeugung als Massstab für alle anderen zu verstehen. Im Namen der Kirche soll also nicht Politik gemacht werden – auf keinen Fall Parteipolitik, bei sachpolitischen Fragen tritt die Kirche schon zeitlich vorher auf, bevor politische Themen aktuell werden –, denn die Kirche und ihre Botschaft tragen zur Gewissensbildung bei!

Vielleicht hilft uns ein Vergleich, um besser zu illustrieren, wo Religion und Kirche als Institutionen ihren Platz haben bei der politischen Meinungsbildung. Entsprechend sind die VertreterInnen der Institution (nicht in ihrer privaten Funktion) ebenso an diesem Platz am richtigen Ort.

Die Kirche kann für uns Gläubige als eine Art Bühnenbild verstanden werden. Das Bühnenbild ist ein gewichtiger Teil einer Theatervorführung, aber das Bühnenbild ist nicht wirklich ein lebendiger Akteur – wie es die Schauspielerinnen und Performanten sind. Das Bühnenbild bildet den Raum, innerhalb dessen die Handlung abläuft. Es gehört auch zum Bühnenbild, dass es sich ändern kann; damit wird die Handlung in einen anderen Bezugsrahmen gestellt. Der Vergleich hinkt wie alle Vergleiche; aber dennoch wird klar, welchen Platz die christliche Religion bezüglich der Politik hat. Sie ist nicht direkt und massgeblich in die politische Aktion eingebunden; aber sie bietet eine Art Referenzrahmen für die christlichen Akteure. Dieser Referenzrahmen kann sehr hilfreich sein und die Argumente für politische Entscheide schärfen. Wieso ist das so?

Das Christentum ist eine Religion, die schon rund 2000 Jahre lang besteht. In diesen zwei Jahrtausenden gab es alle möglichen Veränderungen, positive und negative Entwicklungen. Dem müssen wir Rechnung tragen, wenn wir die christliche Religion befragen wollen, welche Antworten sie auf aktuelle politisch relevante Probleme als sinnvoll erachtet. Niemand wird behaupten, dass das Christentum immer und eindeutig nur die richtigen Antworten auf die gesellschaftlichen Fragen gefunden habe! Es wäre ebenfalls kurzsichtig, allein die Fehler, die Probleme und Niederlagen zu betrachten. Wie jede Kultur, so hat auch die christliche Kultur nebst enormen Vorzügen und positiver Gestaltungskraft die andere Seite zu beklagen: Unfähigkeit, Misstritte und Fehlleistungen. Das betrifft die Vertretungen der Institution wohl ebenso wie deren Mitglieder.

Wer sich lieber die Abschaffung der Religionen wünscht – und diese Meinung wird von einer lauter werdenden Anzahl von Menschen geäussert –, muss sich fragen lassen: Ist Dein Blick umfassend genug? Siehst Du nebst den Problemen auch die gewaltige Ordnungs- und Gestaltungskraft, welche zum Beispiel das Christentum unter Beweis gestellt hat? Siehst Du die vielen gesellschaftlichen Engagements, die nicht an die grosse Glocke gehängt werden, die unzähligen selbstlosen Dienste und die gelebte Nächstenliebe – angestossen durch die Predigt Jesu und gehalten im umfassenden Raum der Kirche? Siehst Du die geistig-spirituelle Verortung, welche Milliarden von Menschen innerhalb der Kirche finden? Diese Kompetenz der christlichen Religion ist heute leider verschüttet – sie ist aktuell verdeckt von viel Unfähigkeit und Inkompetenz, von Fehlverhalten und Arroganz.

Die christliche Religion – die Kirchen – sind nicht politisch tätige Institutionen. Das ist nicht ihre Aufgabe. In erster Linie geht es um die Gewissensbildung. Es geht (politisch gesprochen) um Verwirklichung eines Gemeinschaftsideals auf der Basis der 2000 Jahre alten Predigt Jesu! Dem Ideal sind wir noch längst nicht nahe. Andererseits kommt auch die politische Arbeit ihrem Ideal kaum je nahe. Daher darf die Politik ruhig von jenen Frauen und Männern lernen, welche mit Sachkenntnis und Engagement das Wohl der Menschen in der Polis – also im öffentlichen Raum – zu verwirklichen suchen. Dabei können die Jahrtausende langen Erfahrungen und die Lehre der Kirche partiell sehr hilfreich sein.

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