Der Talmud ist eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Er enthält keine Gesetzestexte, sondern zeigt auf, wie die Regeln der Thora, der fünf Bücher Mose, im Alltag umgesetzt werden sollen. Der Talmud war Gegenstand der ersten Bücherverbrennung im grossen Stil in Europa.

Christian Feldmann

 

An einem frühen Morgen des Jahres 1242 wälzt sich eine merkwürdige Strafexpedition durch die Strassen von Paris: zwei Dutzend Pferdekarren, bis obenhin beladen mit voluminösen Handschriften in kostbaren Einbänden. Es sind Talmud-Handschriften, Hunderte, Tausende. Mönche und von der Kirche bezahlte Büttel haben sie aus allen Synagogen, Lehrhäusern und Rabbinerwohnungen des Landes zusammengeraubt, konfisziert aufgrund päpstlicher Anordnung, um die Christenheit vor verderblichen Einflüssen zu schützen. Auf einem weiten Platz im Pariser Stadtzentrum halten die Karren an. Die Handschriften werden abgeladen und auf einem riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Es ist die erste Bücherverbrennung im grossen Stil in Europa. 700 Jahre später werden die Nazis dem Beispiel folgen und zuerst die Schriften andersdenkender Zeitgenossen verbrennen, danach die Menschen selbst: in den Krematorien von Auschwitz, Treblinka und Dachau.
Papst Gregor IX. hat damals im 13. Jahrhundert argumentiert, der Talmud enthalte «viele missbräuchliche und scheussliche Dinge, die dem Leser und Hörer Scham und Abscheu einflössen». Beim Talmud sah sie rot, die römische Kirchenleitung, die das jüdische Volk in jenen mittelalterlichen Tagen oft genug vor Verfolgung und Diskriminierung schützte und genau wusste, wo die eigentlichen Motive der fromm verbrämten Pogrome lagen: in Konkurrenzneid und Profitsucht der christlichen Geschäftswelt. Doch beim Talmud hörte die Toleranz auf.
Mit sicherem Instinkt witterten die Judenverfolger in den heiligen Schriften die verwundbarste Stelle ihrer Gegner: Kraftquelle, geistige Heimat und Garant ihrer Identität, seit der Jerusalemer Tempel zerstört und das jüdische Volk in alle Winde zerstreut worden war.

Im Talmud fanden sich die Juden aller Länder und Sprachen wieder, die reichen Kaufleute europäischer Grossstädte und die zerlumpten Gettobewohner des Ostens, Gelehrte und Schuhflicker, Bankiers und Bettelvolk. Der Talmud – das war das Judentum. Um die überragende Bedeutung dieses Buches – besser gesagt: dieser Büchersammlung – zu verstehen, muss man wissen, dass nach jüdischer Anschauung mit der Fertigstellung der Bibel das Gespräch zwischen Gott und den Menschen keineswegs abgeschlossen ist. An die Seite der schriftlich vorliegenden Offenbarung tritt die mündliche Überlieferung der Rabbinen, treten ein ständiger Diskurs über die Bibel, ihre Kommentierung und aktuelle Interpretation, die nach Jahrhunderten schliesslich in ein neues umfangreiches Schriftwerk mündet: den Talmud. Beide Überlieferungsstränge – die Bibel und ihre Auslegung – werden als gleichrangig betrachtet.
Die Interpretation schwer verständlicher Schriftworte wird nicht erfunden, sondern in der mündlichen Überlieferung gefunden. Der Kommentar macht den Sinn der Schrift erst transparent. Und weil Gott sein Volk nicht mit unverständlichen Weisungen allein lassen wollte, stammt auch der Kommentar unmittelbar von ihm.
So ist im Lauf der Jahrhunderte ein gewaltiges Werk zusammengekommen, das in den meisten aktuellen Ausgaben 15 dicke Bände umfasst und 3000 Schriftgelehrte zitiert. Angeblich besteht er aus zweieinhalb Millionen Wörtern, der Talmud. Ein gigantischer Fundus von Fragen und Antworten, Kommentaren und Diskussionen, Problemen und Konflikten. Darunter bunt verstreut überraschend vielfältiger Wissensstoff aus Geografie und Astronomie, Medizin und Rechtswissenschaft. Und immer wieder Geschichten. Legenden, Parabeln, Weisheitserzählungen.
Die Tora kennt keinen Anfang, der Talmud kein Ende, behauptet ein jüdisches Sprichwort. Doch vielleicht kann man die historische Entwicklung trotzdem ein wenig eingrenzen. Die Bücher der Bibel – genauer gesagt, die vielen verschiedenen Textelemente, die später zu Büchern zusammengefasst wurden – waren zum Teil schon tausend Jahre mündlich überliefert worden, von Generation zu Generation, bis sich die Redakteure an die Arbeit machten. Auch die immer umfangreicheren Kommentare und Interpretationen zu den Bibeltexten wurden lange Zeit mündlich weitergegeben – schon allein deshalb, weil die Auslegung ständig im Fluss war und jede schriftliche Fixierung bald wieder überholt sein würde. Als das Material freilich kaum mehr überschaubar war, begann man mit der Niederschrift des Stoffes.
70 nach Christus sinkt der Jerusalemer Tempel, das Symbol der Gegenwart Gottes, im Krieg gegen die römischen Besatzer in Schutt und Asche. Aber die Juden lassen sich ihren Gott nicht nehmen. Ab sofort finden sie ihn in den Synagogen und Lehrhäusern, in der Lektüre der heiligen Texte. Um das Jahr 200 bringt der religiöse Führer der Juden in Palästina, ein gewisser Rabbi Jehuda, die erste Sammlung der bisher mündlich überlieferten Lehre in sechs gewichtigen Bänden heraus, genannt Mischna, die Lehre, gegliedert in zahllose kleine Abschnitte, die Mischnajot, die jeweils eine Vielzahl von Ansichten zu einem Thema zitieren, Meinung und Gegenmeinung, auch scheinbar abstruse Beiträge, die sich später vielleicht als weiterführend erweisen werden.
Die Mischna wird heiss diskutiert in den Schulen und Lehrhäusern, und 200 Jahre später erscheinen die Protokolle der damals geführten Diskussionen unter dem Namen Gemara, Vollendung. Mischna und Gemara zusammen bilden den Palästinensischen oder Jerusalemischen Talmud, dem aber im Lauf der Entwicklung nur eine historische Bedeutung zukommt. Denn über die Mischna wird nicht nur in Palästina heftig debattiert, sondern auch in Sura, Pumbadita, Nahardea und wie die geistigen Zentren im Babylonischen Reich alle heissen. Der Hintergrund: 586 vor Christus hatte der babylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem erobert und die jüdische Oberschicht nach Babylon deportiert, wo sie sich teils der dortigen Kultur anpasste, teils aber auch die eigene religiöse Tradition bewahrte und vertiefte.
Als 40 Jahre später die Perser das Babylonische Reich eroberten und die verbannten Juden heimkehren durften, blieben etliche von ihnen in Babylon und führten die Arbeit an den Schätzen der Vergangenheit weiter – auf eine unerhört lebendige und intensive Weise. Denn um 500 nach Christus erschien der sogenannte Babylonische Talmud, der für das Judentum bis auf den heutigen Tag verbindlich wurde und dem dieselbe Autorität zukommt wie der Tora.

Die Diskussion ging natürlich weiter, all die Jahrhunderte, in den Lehrhäusern von Prag und Worms, Paris und New York, und der Talmud wurde mit zahllosen Erweiterungen, Randbemerkungen, Kommentaren angereichert. In den klassischen Ausgaben sieht man in der Mitte einer Seite meist den ursprünglichen Talmudtext in einer Art Kasten, darum herum gruppiert die verschiedenen historischen Kommentare in unterschiedlichen Schriftbildern und die späteren Kommentare zu den Kommentaren, an den Rändern Verweise auf Bibelzitate und Parallelstellen aus der rabbinischen Literatur.
Im Grunde geht es in den Talmudschulen, den Jeschiwot, und den Lehrhäusern heute noch zu wie vor Jahrhunderten: Die frommen Juden sitzen über ihren Talmud gebeugt und lesen laut, in einem merkwürdigen Singsang, oder sie debattieren erregt miteinander. Es ist ein lautes Summen wie in einem Bienenhaus; aber keiner stört sich an dem Lärm, man fühlt sich eingebunden in die Atmosphäre, wie es Katholiken vielleicht beim Rosenkranz-Gemurmel in einer Wallfahrtskirche geht.
Juden haben religiöse Grundüberzeugungen, aber keine Dogmen. Sie studieren und debattieren und haben eine fast sinnliche Freude am Diskurs. Die Botschaft des Talmud heisst, dass die Wahrheit komplex und vielfältig ist. Keiner allein, und sei er noch so genial, kennt die ganze Wahrheit, und deshalb respektiert jeder echte Talmudgelehrte bei aller Leidenschaft die Meinung seines Gesprächspartners.
Auch Christen können den Talmud mit Gewinn lesen – weil die Juden ihre älteren Geschwister sind, weil sie dort den geistigen Hintergrund ihres eigenen Glaubens finden und weil Misstrauen und Fanatismus keine Chance haben, wenn man um das Verbindende weiss.