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Am 13. Februar wird über die Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» abgestimmt. Wie auch immer das Ergebnis ausfallen mag, muss die Beziehung zu Tieren neu überdacht werden. Im Interview erklärt Adrian Holderegger, Kapuziner und emeritierter Professor für Theologische Ethik der Universität Freiburg, warum.

von Stephan Leimgruber

Adrian Holderegger, als Franziskaner sind Sie mit der Vogelpredigt des Franziskus von Assisi bestens vertraut. Ist sie ein klarer Hinweis, dass Tierversuche unethisch und unverantwortbar sind?
In der Tat: Franz von Assisi hat eine ganz neue Sicht der Schöpfung begründet, indem er Mensch wie Tier, Pflanzen wie Gestirne in einen Raum hebt, in dem sie sich alle Geschwister sind. Die Schöpfung erkennt Franziskus als ein Beziehungsnetz, in dem sich alles geschwisterlich verbunden ist, wie er dies poetisch unvergleichlich im Sonnengesang beschreibt. Sie alle sind Angesprochene Gottes und daher des Lobes Gottes fähig.

Das ist eine theologische Sichtweise eines umfassenden Lebenszusammenhangs.
Darin kommt dem Tier eine besondere Würde, ein Eigenwert zu, der einen respektvollen, nicht instrumentalisierenden, eben geschwisterlichen Umgang einfordert. So sind die vielen rührenden, legendenhaften Tiergeschichten, die man sich von Franziskus erzählt, ein Hinweis für seinen sorgsamen, pfleglichen Umgang mit Tieren. Erinnert sei an die schöne Geschichte, wonach Franziskus vom Kaiser ein Gesetz erbitten wollte, dass alle Bürgermeister den Vögeln an Weihnachten Weizen und andere Körner zu streuen hätten, damit sie genügend Futter hätten.

Selbstverständlich kannte Franziskus keinen Tierschutz, wie wir ihn heute kennen. Aber er begründete eine Haltung der Geschwisterlichkeit, der Sorgsamkeit und der Wertschätzung den Tieren gegenüber, die manches an heutiger Praxis wie Massentierhaltung und übermässiger Fleischverzehr in einem sehr kritischen Licht erscheinen lässt. Ohne Zweifel sollten wir uns vermehrt daran orientieren.

In der Schöpfungserzählung heisst es aber: «Herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen» (Genesis 1, 26 und 28).
In der christlichen Tradition hat das Buch Genesis eine aussergewöhnliche und folgenreiche Wirkung entfaltet. Während die Gottebenbildlichkeit in der hebräischen Bibel kaum eine Rolle spielte, rückte sie in der christlichen Theologie ins Zentrum. Dadurch wurde dem Menschen in der Schöpfung eine Art Sonderstellung zugeschrieben, die in der Geschichte des Christentums zu manchen Fehldeutungen im Sinne der schieren Machtfülle über die Schöpfung führte. Doch auch als Gottes Ebenbild lebt der Mensch gemäss der Bibel in einer Schicksalsgemeinschaft mit den Tieren und teilt ihren Lebensraum.

Es braucht eine Art gegenseitige Rücksichtnahme?
Dies wird dadurch begründet, dass beide – Mensch wie Landtiere – gemeinsam am sechsten Tag geschaffen und aus dem gleichen Erdboden geformt werden. Sie haben die gleiche Herkunftsgeschichte, welche sie gleichsam verwandtschaftlich verbindet. Schwieriger ist der Vers: «Macht euch die Erde untertan». Der ursprüngliche Sinn meint jedoch im damaligen kulturellen Zusammenhang: «Macht die Erde urbar». Das Land soll für Menschen erschlossen und der Lebensraum der (wilden) Tiere reguliert werden. Dies beinhaltet weder ein Ausbeuten der Natur noch einen rücksichtslosen Umgang mit den Tieren. Der Text ist aus dem Kontext des 6. Jahrhunderts vor Christi Geburt zu verstehen, wo die Menschen im Gegenüber zur Tierwelt in der Minderheit waren und wo die Tierwelt in vielfältiger Weise eine Bedrohung darstellte. Leider hat dieser Vers immer wieder als Rechtfertigung für das ausbeuterische, exzessive Handeln an der Natur gedient. Forschungen zeigen jedoch, dass erst die Neuzeit diesen Satz so interpretiert hat, dass der Mensch nach Belieben mit der Natur umgehen und sie sich ausbeuterisch unterwerfen könne. Jahrhunderte später kehrt Franziskus dieses biblische «Herrschaftsverhältnis» um, indem er den Menschen gegenüber der belebten Natur in ein Gehorsams-Verhältnis setzt, das heisst ihn verpflichtet zum Hinhorchen auf deren Botschaft und deren Sinn-Welt. Das ist eine wunderbare Ergänzung.

Gibt es auch nicht religiöse, eine allgemein verbindliche Tierethik?
Die Tierethik untersucht das Verhältnis des Menschen zum Tier unter moralischen Gesichtspunkten und formuliert Kriterien, wie wir verantwortungsvoll mit Tieren umzugehen haben. Wenn wir die europäische Geistesgeschichte unter dieser Perspektive betrachten, dann stellen wir einen weissen Fleck fest: Bis ins 20. Jahrhundert existiert keine eigentliche systematische Tierethik. Angestossen wurde sie durch den australischen Philosophen Peter Singer, der sich in den 1980er-Jahren intensiv mit den Tierschutzbewegungen auseinandersetzte. Selbstverständlich gab es schon vor ihm einflussreiche Positionen. Bis ins 20. Jahrhundert war die Auffassung des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant massgebend und selbst für die Gesetzgebung insofern bestimmend, als die Tiere dem Sachenrecht zugeordnet wurden: So ist Kant der Meinung, dass wir Menschen den Tieren gegenüber keine Verpflichtungen hätten, höchstens dem Scheine nach. Die Tiere zählen nur indirekt, weil die Zufügung von Grausamkeiten gegenüber Tieren die Grausamkeit gegenüber Menschen befördern könne. Nur aus «Selbstachtung» habe ich sie pfleglich zu behandeln, denn das Tier wird grundsätzlich als lebende Sache betrachtet, die weder der Moral noch der Verantwortung fähig sei.

Orientieren sich die Menschen heute zunehmend am Leiden der Tiere?
Tatsächlich hat der Begründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham, die Meinung vertreten, dass es nicht von Bedeutung sei, ob ein Tier ein Bewusstsein habe, sondern ob es leiden könne. Die Leidensfähigkeit, die das Tier mit dem Menschen gemeinsam hat, bildet das ausschlaggebende moralische Kriterium für den verantwortungsvollen Umgang mit den Tieren. Das stellt eine klare Kehrtwende gegenüber der Tradition dar, die zwischen Mensch und Tier eine unüberwindbare Differenz setzte, da sie dem Tier kein Selbstbewusstsein zugestand. Diese Ansicht hat im 19. Jahrhundert nicht bloss die Tierschutzbewegung begründet, sondern auch ein ethisches Kriterium formuliert, das von allen Ethikansätzen als Minimalkonsens anerkannt und meist durch andere Kriterien wie Mitleid oder Ehrfurcht ergänzt wird.

Inwiefern hat Peter Singer die tierethische Situation verändert und neue Akzente gesetzt?
Singer vertritt einen Präferenzutilitarismus. Dies meint, dass Empfindungen, Neigungen und Interessen von Tieren genauso wahrgenommen werden müssen wie die von Menschen. Diese egalitaristische Position führt zu weitreichenden Konsequenzen. Es gilt das Argument, dass wir, was wir Tieren antun, auch bereit sein müssten, menschlichen Wesen auf derselben Entwicklungsstufe zuzufügen. Und umgekehrt: Alles, was wir menschlichen Wesen auf derselben Entwicklungsstufe nicht zumuten, dürfen wir auch Tieren nicht zumuten.

Sind damit bei einer entsprechenden Wertschätzung des Menschen praktisch keine Tierversuche mehr möglich?
Verschiedene aktivistische Tierschutzbewegungen vertreten genau diese Haltung. Wie einflussreich dieser Ansatz auch ist, so problematisch bleibt er. Meines Erachtens haben wir in Abwandlung von Kant primär davon auszugehen, dass das Tier in sich einen Eigenwert besitzt und – wie wir Menschen auch – das Leben selbstzwecklich vollziehen will. Diesen Eigenwert können wir allerdings nicht – wie beim Menschen –  absolut setzen.

Viele Menschen haben Haustiere und schützen sich mit einem Tier gegen die Einsamkeit. Ist das in Ordnung?
Die Domestizierung von Wildtieren zu Nutz- und Haustieren ist menschheitsgeschichtlich eher jüngeren Datums. Das erste Haustier ist der Hund, der vor gut 13 000 Jahren sich vom gezähmten Wolf zum Weggefährten des Menschen entwickelte und eine Jagdgemeinschaft mit dem Menschen bildete, als der Mensch noch nicht sesshaft war. Erst die Selektion und Domestizierung gewisser Tierarten wie Pferd, Schwein und Kuh ermöglichten dem Menschen die Sesshaftigkeit und eine ertragreichere Landwirtschaft. Seither gehört ein Teil der Tierarten zur Produktions- und Lebensgemeinschaft des Menschen. Heute haben die Haustiere vor allem in städtischen Gebieten eine besondere soziale Funktion, indem sie Nähe schaffen, die Einsamkeit aufbrechen, das Verantwortungsbewusstsein für andere bestärken können. Dagegen ist nichts einzuwenden – ja zu befürworten, solange das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend ernährt wird, solange die Bewegungsart und das Bewegungsbedürfnis und das Sozialverhalten respektiert werden wie Auslauf und Spiel und solange ihm eine artgerechte Pflege und Unterbringung garantiert werden. Das schafft gleichzeitig eine Schranke gegen eine falsch verstandene Hominisierung der Tiere.

Viele Tiere können zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden
Ohne Zweifel ist der Einsatz von Tieren in den tiergestützten Therapien äusserst wertvoll. Es hat sich gezeigt, dass körperliche wie psychosomatische, psychische wie psychiatrische Leiden gemildert werden können. Dabei ist wohl entscheidend, dass das Tier keine sozialen menschlichen Erwartungen und Vorstellungen an kranke Menschen heranträgt, sondern mit ihm eine ursprüngliche, achtsame Beziehung ohne irgendwelche Vorurteile eingeht. Keine Frage: Tiere, die dafür eingesetzt werden, müssen entsprechend vorbereitet werden.

Tierversuche sollen Medikamente erproben. Gibt es heute keine anderen Möglichkeiten dafür?
Es gibt alternative Ansätze für Tierversuche, in dem Sinne, dass Substanzen und ihre Wirkung etwa an Zellkulturen oder mittels Mikrodosierungen getestet werden, oder schliesslich am Computer modelliert werden. Leider sind diese Methoden bis heute noch nicht so ausreichend entwickelt, dass man sich ausschliesslich auf sie abstützen könnte. Einiges ist vielversprechend: So werden vermutlich in absehbarer Zeit für die Lebensmittelprüfung keine Tierversuche mehr nötig sein. Um aber die komplexe Wechselwirkung von Medikamenten und ihren therapeutischen Anwendungen in einem ganzen Organismus zu überprüfen, sind wir auf Versuche mit Tieren, aber auch mit Menschen angewiesen. Bei einem Verbot von Wirkstoffen, die unter Einhaltung internationaler Standards entwickelt wurden, könnten diese beispielsweise bei schweren Krebserkrankungen nicht mehr eingesetzt werden. Vor allem Schwersterkrankte könnten von der Spitzenmedizin nicht mehr profitieren. Und umgekehrt, Medikamente, die bei uns mit alternativen Methoden hergestellt werden, könnten nicht mehr ins Ausland verkauft werden. Die Gemeinschaft der Forschenden betont und bejaht nachdrücklich, dass eine intensive Forschungsarbeit nötig sein wird, um die Tierversuche möglichst zu ersetzen.

Die Initiative, über die am 13. Februar abgestimmt wird, will alle Tier- und Menschenversuche verbieten. Ist es missverständlich, auch von Menschenversuchen zu sprechen?
Die Initiative will den Handel wie auch die Ein- und Ausfuhr von allen Produkten, namentlich von Medikamenten, verbieten, die in der Schweiz und im Ausland an standardisierten Tierversuchen erprobt sind. Da Testergebnisse mit Tierversuchen nicht einfach auf den Menschen übertragbar sind, müssen in einer letzten, klinischen Phase die Substanzen nach klar definierten Vorgaben am Menschen getestet werden. Beispielsweise müssen Krebsmedikamente, die sich im Tierversuch als erfolgversprechend herausgestellt haben, auch einer überwachten und genau informierten Patientengruppe verabreicht und an ihr getestet werden, bevor sie allgemein eingesetzt werden können. Das hat nichts zu tun mit den brutalen, verstörenden und unfreiwilligen Menschenversuchen, wie wir sie aus dem Zweiten Weltkrieg kennen. Da die Risiken in der Regel abschätzbar sind und im Eintreffens-Fall medizinisch aufgefangen werden, betrifft dies kaum die körperliche Integrität im Ganzen; durch meine freiwillige Teilnahme an einer Testreihe ermögliche ich unter Umständen anderen erkrankten Menschen ein besseres, leidbefreiteres Leben. Gibt es etwas Nobleres?

Die Befürworter der Initiative weisen darauf hin, dass die Zahl der Tierversuche in den letzten Jahren gesunken sei. Ist das ein billiger Trost?
Dies muss in einen grösseren Kontext gestellt werden. Die Schweiz hat weltweit eines der strengsten Tierversuchsgesetze (2008). Dies hat zu einer erheblichen Reduktion der Tierversuche geführt. In diesem Gesetz wird wohl einzigartig von der Würde des Tieres gesprochen, die es zu schützen gilt. Die Achtung der Würde des Tieres meint, dass das Tier in seiner Eigenständigkeit und Eigenart ernst genommen und alle Handlungen an ihm kritisch hinterfragt werden müssen. Nur über eine strenge ethische Güterabwägung, die von einer unabhängigen Kommission vorgenommen werden muss, kann festgestellt werden, ob ein Versuchsvorhaben mit der Würde des Tieres vereinbar ist. So ist beispielsweise gesetzlich vorgeschrieben, dass jedes Versuchsvorhaben daran geprüft werden muss, ob es nicht alternative Methoden gibt, ob die Anzahl der Versuchstiere nicht auf das strikte Minimum reduziert wird und ob die Versuchsmethoden möglichst am wenigsten belastend sind. Immer stellt sich die Frage, ob höhere Interessen wie Gesundheit und Grundlagenforschung die Belastungen am Tier wie Schmerzzufügung oder Tötung rechtfertigen können. Das heutige Gesetz lässt dies in bestimmten Fällen unter strengen Vorgaben zu.

Sind Sie gegen Tierversuche?
Jeder belastende Tierversuch führt in ein ethisches Dilemma. Auf der einen Seite fügen wir Tieren Schmerzen zu, setzen sie Belastungen aus. Auf der anderen Seite dient dies unserer Gesundheit und unserem Wohlergehen. Dieses Dilemma ist nicht aus der Welt zu schaffen. Gerade aus dieser unlösbaren Situation erwächst für uns die Verpflichtung, wo immer möglich, das Wohlergehen der Tiere in Aufzucht, Haltung, Nutzung und Versuchen zu achten und zu befördern.

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