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Neulich las ich eine Äusserung des zeitgenössischen Philosophen Byung-Chul Han. Er sagt, unsere heutige Leistungsgesellschaft funktioniere nach dem Motto: ‹Nichts ist unmöglich.› Diese Devise bezeichnet er als den ‹Gott der neuen Zeit›. Diesen Gott muss ich mir durch Leistung gnädig stimmen. Und das ‹Nichts ist unmöglich› muss ich mir verdienen. Ich erarbeite es mir, Tag für Tag und manchmal sogar die Nacht hindurch. Alles hängt von mir ab, denn ich bin es, der alles möglich macht. Byung-Chul Han nimmt wahr, wie schwer und unerträglich sich mit einem solchen ‹Gott› leben lässt, und er wünscht sich für unsere Gesellschaft mehr Zeit mit einem fröhlichen Charakter.  

Unsere christliche Heilsgeschichte beginnt im Lukasevangelium mit einer ähnlichen und doch ganz anderen Maxime. Dort steht zwar auch, dass nichts unmöglich sei, aber eingefügt ist ‹für Gott›: ‹Für Gott ist nichts unmöglich.› Das besagt, das Wesentliche hängt nicht von mir ab. Ich muss mir nicht alles selbst verdienen und erarbeiten. Es genügt, wenn ich das Mögliche schaffe und neben dem Arbeiten auch noch freier Raum und unverzweckte Zeit bleiben. 

Vielleicht liegt hier der Ursprung des klösterlichen Grundsatzes «bete und arbeite». Einerseits ist Arbeiten ein wichtiger Teil des klösterlichen Lebens. Aber neben der Arbeit widmen wir Ordensleute dem Gebet viel Zeit und Aufmerksamkeit. Das Gebet kann ich als eine Art Spiel verstehen, so wie es Romano Guardini von der Liturgie sagt. Wie dem Spiel liegt auch dem echten Gebet kein Zweck zugrunde, es ist kein Mittel, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, sondern es ist eine in sich ruhende, ganz auf Gott bezogene Welt. Im Gebet «wird dem Menschen Gelegenheit geboten, dass er seinen eigensten Wesenssinn verwirkliche, dass er ganz so sei, wie er seiner göttlichen Bestimmung gemäss sein sollte und möchte: ein Kind Gottes». Rainer Maria Rilke sagt es so:  

«Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen 
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt. 

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.»  

Das Gebet kann eine solche «Blüte» sein, aber auch eine Bergwanderung, ein Konzert, eine Begegnung oder ein Jass. All dies sind Möglichkeiten, um in den Erfahrungsraum zu kommen, wo ich mich frei bewegen und atmen kann, in dem ich einfach sein und Zeit mit einem fröhlichen Charakter geniessen darf. Neue Kraft, mich für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, wird mir so geschenkt.  

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