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Bei meinem letzten Besuch in Paris haben mir meine französischen Mitbrüder den neuesten Roman des Schriftstellers David Foenkinos empfohlen. Er trägt den schlichten Titel «Nummer zwei» und dreht sich um die Verfilmung der Jugendromanreihe «Harry Potter». Wie bekannt, steht im Mittelpunkt dieser Geschichte der titelgebende Held, der an seinem elften Geburtstag von seiner magischen Herkunft erfährt und fortan Schüler des britischen Zauberinternats Hogwarts ist. Schon der erste Roman wurde weltweit ein grosser Erfolg und soll verfilmt werden. Das Casting, insbesondere der Hauptfigur, wird minutiös vorbereitet. Schliesslich stehen noch zwei Kandidaten zur Auswahl. Der ganze Roman dreht sich dann um das Schicksal desjenigen Jungen, der nicht gewählt wurde, eben um die Nummer 2.  

Dass es einem Jugendlichen schwerfällt, mit diesem Nicht-gewählt-Werden umzugehen, erstaunt nicht. Doch dieses Trauma wird das ganze junge Leben von Martin Hill prägen, dem es lange nicht gelingt, diese Erfahrung zu akzeptieren.   

Die heilige Schrift kennt mehrere dieser Nummer-2-Geschichten, Kain und Abel, Jakob und Esau oder der jüngere und der ältere Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32). Am bekanntesten ist wohl das letztgenannte Evangelium. Der ältere Sohn kann es nicht ertragen, dass sein jüngerer Bruder so viel Aufmerksamkeit durch seinen Vater erhält, nur weil dieser den Weg zurück ins Leben gefunden hat. Wenn wir genauer hinschauen, dann müssen die Personen in der zweiten Reihe keinen Mangel leiden. Das Leben meint es gut, auch mit ihnen. Und doch sind sie unzufrieden. Sie sind unzufrieden, weil sie sich ständig vergleichen müssen.  

Dieser biblische Befund ist wohl typisch für unser Menschsein. Er wird belegt durch die empirische Glücksforschung. Ein bekanntes Ergebnis dieser Glücksforschung ist, dass Menschen zufriedener sind mit einem objektiv niedrigeren Lohn, wenn sie mehr als ihr Nachbar verdienen. Wenn sie hingegen tatsächlich mehr verdienen, aber gegenüber ihrem Nachbarn schlechter gestellt sind, sind sie unglücklich.   

Was wäre hier der Impuls der Spiritualität der Jesuiten? In einer Eingangsübung lädt uns Ignatius ein, den Blick auf unser eigenes Leben zu richten und in unserer inneren Freiheit zu wachsen. Wir sollen nicht mehr wollen, Gesundheit oder Krankheit, Reichtum oder Armut, Ehre oder Ehrlosigkeit. In all dem, was uns begegnet, so die Zuversicht von Ignatius, kann eine Einladung an uns liegen. Dann werden wir aufgefordert, mit einem dankbaren Blick auf unser Leben zu schauen. Und dies Tag für Tag.  

Das Buch von Foenkinos endet mit der fiktiven Begegnung von Nummer 2 und Nummer 1, Martin Hill und Daniel Radcliffe. Und im Gespräch zwischen beiden wird die Bilderbuchkarriere auf ihre eigenen Ambivalenzen hin transparent. Eine Begegnung, die die Freundin von Martin ermöglicht, die ihm die Treue hält, durch alle Erfahrungen der Selbstzweifel hindurch, wie er am Ende dankbar erkennen kann.  

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