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Worin besteht eigentlich der tiefere Sinn des Weihnachtsfestes? Bleibt es ein Fest der Geschenke und der Familienzusammenkünfte oder hat es zu tun mit der Menschwerdung Gottes im Kind? Der Benediktiner Markus Muff bringt hier in Erinnerung, dass Feiern die Oberfläche unserer Existenz durchdringen soll, um neue Dimensionen des Lebens bewusst zu machen.  

Die Feier des Weihnachtsfestkreises – bis zum Fest der Taufe des Herrn – ist eine anspruchsvolle Sache. Wir geniessen gutes Essen und festlich gedeckte Tische. Wir freuen uns an den Geschenken und der Dekoration unserer Wohnungen – an den vier brennenden Kerzen des Adventskranzes, am Weihnachtsbaum und an den mehr oder weniger gelungenen Gags aller Art. Alle diese Äusserlichkeiten sind erfreulich und erhellen das Dunkel dieser Tage. Doch sie machen noch nicht den Kern des grossen Weihnachtsfestes aus. Wollten wir uns auf die Äusserlichkeiten beschränken, so sind wir noch nicht zum Sinn von Weihnachten vorgestossen. 

Feiern machen uns die vielen Dimensionen unseres Lebens bewusst, die im Alltag häufig zu kurz kommen. Die tiefe Dimension von Weihnachten können wir am besten mit dem Begriff «Würde» bezeichnen. Die grosse Zeit der Weihnachtsfeier ist das Fest, an dem unsere menschliche Würde – in einem tiefen Sinn – ins Zentrum gestellt wird.  

Die Würde des Menschen 
Die Würde des Menschen – was wurde darüber schon gesagt und geschrieben. Die Charta der Menschenrechte ist gut und soll uns den Weg aufzeigen zur eigentlichen Würde des Menschen. Die Menschenrechte sind kodifiziert, sie sind in die Form von Gesetzen gegossen. Die Weltgemeinschaft hat die Menschenrechte verbindlich festgelegt und garantiert – theoretisch – jedem Menschen Anrecht auf minimale Standards. Die Menschenrechte sind eine minimale Forderung im Umgang miteinander. Schlimm genug, dass diese Menschenrechte häufig mit Füssen getreten werden.  

Doch die Würde eines jeden Menschen ist viel umfassender als die Forderung nach Einhaltung von Mindeststandards im Umgang miteinander. Die Würde eines Menschen ist nämlich unabhängig davon, wie die anderen ihn sehen; sie ist unabhängig von den Meinungen anderer Menschen. Die Würde ist – so schwierig das zu verstehen sein mag – der Kosmos, innerhalb dessen menschliches Leben überhaupt stattfinden kann. Die Würde einer jeden Frau, eines jeden Mannes und aller Jugendlichen und Kinder ist das zentrale Anliegen von Weihnachten. Doch was hat Würde mit dem kleinen Jesus in der Krippe zu tun? 

Von Äusserlichkeiten unabhängig
Jesus ist doch eher in unwürdigen Umständen zur Welt gekommen. Als Kind einer jungen Frau, die nicht verheiratet war; Josef gilt als Pflegevater Jesu. Jesus ist auf der Flucht in diese Welt eingetreten. Jesus ist im Stall zur Welt gekommen, nicht in einer noblen Herberge. All diese Geschichten des Lukas-Evangeliums haben die gleiche Absicht. Sie zeigen auf, dass die Würde eines jeden Menschen – dass die Würde selbst des Mensch gewordenen Gottes – in keiner Weise von Äusserlichkeiten abhängig ist. Trotz all der widrigen Umstände leuchtet im Neugeborenen Gott auf! In seiner ganzen Herrlichkeit – so heisst es mehrfach in der Heiligen Schrift. 

Die Herrlichkeit Gottes
Die Herrlichkeit Gottes ist ein wichtiger theologischer Begriff. Auf Hebräisch heisst der Ausdruck: KABOD Jahwe. Klassisch wird dieser Ausdruck als «Herrlichkeit des Herrn» übersetzt – und zu Recht von feministischen Theologinnen kritisiert. Denn es sind rein männliche Bilder damit verbunden… Der «Herr» wiederholt sich im Begriff «Herrlichkeit». KABOD Jahwe müsste viel umfassender wiedergegeben werden. Etwa im Sinne von «Würde Gottes» – und Gott natürlich nicht verstanden als alter weisser Mann im Himmel. Nein – Gott verstanden als der Ursprung allen Lebens. Im Grunde feiern wir an Weihnachten also die Würde Gottes, insofern sie in jedem Menschen sichtbar wird. Wir feiern nicht die Schöpferkraft und die Lebensenergie, welche die Welt und das All erschaffen haben – und diese Wirklichkeiten am Leben halten. Nein – wir feiern eben die KABOD Jahwe, die Würde derjenigen Wirklichkeit, die immer mit uns ist; ja, uns vorausgeht und nach uns bleibt und gerade deswegen unseren Horizont bildet. Gottes Würde begründet also unsere menschliche Würde! 

Umwertung aller Werte
Das ist es eigentlich, was in den Wochen um Weihnachten im Zentrum unserer Feier steht. Die Geburt Jesu ist ein Ereignis in der Geschichte der Menschheit, mit dem die Umwertung der geltenden Werte vollzogen wurde. Das kleinste Baby ist das sichtbare Bild für die Einwohnung der KABOD Jahwe in einem jeden Menschen. Der Würde erging es dabei nach menschlichen Massstäben schlecht: Denn mit der Geburt Jesu wurde sie ihrer äusserlichen Faszination beraubt. Nicht mehr der in Gold- und Silberbrokat gewandete König, Pharao oder Kaiser ist das evidente Abbild der göttlichen Würde; nicht mehr der Hofstaat der gottgleichen Herrscher verleiht Autorität und Ansehen. Eben nein – Umwertung aller Werte: Im Kleinsten, im Unbedeutendsten scheint Gottes Würde auf. Ja, sie strahlt auf mit einer unglaublichen Eindringlichkeit. Deshalb muss der Engel den Hirten zurufen: Habt keine Angst! Fürchtet euch nicht! Eben deshalb, weil in der Geburt des kleinen Jesus die gängigen Kodifizierungen umgepolt werden. Weil nicht länger Grösse, Schönheit und Macht der Ausdruck göttlicher Würde und Präsenz sind. Sondern weil die Verletzlichkeit, die Bedürftigkeit eines Neugeborenen und die Armut im Stall von Bethlehem zum augenscheinlichen Ausdruck göttlicher Würde wurden. 

Eben: Umwertung aller geltenden Werte, zumindest all jener Werte, welche arrogant ihren Tribut an Glanz und Glitter einfordern wollen! Das war Weihnachten zur Zeit der Geburt Jesu. Und das möge auch heute wieder Weihnachten werden. Jenseits einer schillernd glitzernden Oberfläche. 

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