Kundendienst: Tel. 056 203 22 00 kundendienst@diemedienag.ch

Es war eine Überraschung, als Peter Bichsel vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel «Über Gott und die Welt. Texte zur Religion» veröffentlichte. So mancher rieb sich die Augen, dass ausgerechnet Bichsel, der sich als Sozialist bezeichnet und sehr dem Weltlichen zugewandt ist, über Religion schreibt. Aber es ist gerade der existenzielle und pragmatische Weltzugang, der Bichsels Texten eine starke Bodenhaftung gibt und diese sympathisch macht. Sie erzählen von Alltagserfahrungen, die wir als Menschen alle machen. So eröffnet Peter Bichsel als Meister der Kurzgeschichte originelle und oft überraschende Blicke auch auf Glauben und Religion. Seine Texte zur Religion empfehle ich daher nicht nur den Bichsel-Fans.

Der heute 85-Jährige wuchs in Luzern und Olten auf, hatte eine pietistisch geprägte Kindheit und Jugend, aber wandte sich als 20-Jähriger immer mehr von der Institution Kirche ab. Bichsel war zunächst als Primarlehrer tätig, heiratete die Schauspielerin Therese Spörri und hatte zwei Kinder mit ihr. Einige Jahre war er Redenschreiber von Bundesrat Willi Ritschard und auch mit Max Frisch befreundet. Bichsel, der heute in Bellach SO lebt, ist eine Institution, ein kritischer Kopf, der sich seit Jahrzehnten in Politik und Gesellschaft einmischt, zum Beispiel mit Kolumnen in der «Schweizer Illustrierte». Er publizierte Erzählungen, Romane und Essays, bekam wichtige Literaturpreise. Bekannt wurde er vor allem durch seine «Geschichten»: kurze, lakonische Erzählungen aus dem Alltag einfacher Leute, oft mit doppeltem Boden. Sie sind heute Schullektüre.

Weniger bekannt sind seine Texte zur Religion. Doch die Lektüre lohnt sich, denn sie sind nachdenklich und originell zugleich, jedenfalls eröffnen sie neue Perspektiven, wenn er etwa schreibt: «Das Christentum ist kein Erfolgsrezept. Es meint nicht, reich, gescheit und gesund zu werden. Es taugt weder gegen Grippe noch gegen Schlaflosigkeit, weder gegen Alkoholismus noch gegen Drogensucht. Es ist nur eine Lehre vom Zusammenleben, eine Lehre davon, dass alle dazugehören und niemand ausgeschlossen wird» (S. 31).

Das Schöne an Bichsels Geschichten ist, dass sie einerseits aus der unmittelbaren Erfahrung kommen, andererseits ständig durch seine spontane Fantasie und Ironie durchbrochen werden: «Die Lehre jenes Jesus von Nazareth war eine Soziallehre. Sie schien in nichts dafür tauglich zu sein, die Mächtigen zu stützen. Aber die Seligpreisungen der Bergpredigt haben sich gegen jene gewandt, für die sie gedacht waren, gegen die Armen, gegen die Rechtlosen, gegen die Geprügelten.» Diese Zeilen zeigen, dass Peter Bichsel mit der Gottesfrage und der Bedeutung der Religion für die Lebensgestaltung ringt. Die Offenheit, mit er das tut, macht ihn sympathisch, vor allem macht sie ihn menschlich. So wie in einem Interview, in dem er einmal gefragt wurde, ob er manchmal bete. Peter Bichsel antwortete mit einer Geschichte, die nicht eindeutig ist, aber schön: «Ich sitze oft in einer Kneipe in einer Ecke, allein, und trinke mit meinem Gott einen halben Roten. Ich denke vor mich hin und merke gar nicht, dass ich mit ihm spreche. Da klopft er mir auf die Schulter und sagt: Das hast Du aber gut gemacht! Meistens ist er unzufrieden mit mir, dann muss ich ein wenig streiten und mich verteidigen. Ich sage immer: Ich weiss, dass es keinen Gott gibt, aber ich brauche ihn.»

Share This