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Das Opernhaus Zürich hat einen religiösen Stoff aufgenommen, dessen historische Basis in der Französischen Revolution liegt. Am 17. Juli 1794 wurden 16. Karmelitinnen aus dem Kloster Karmel von Compiègne in Paris durch das Fallbeil hingerichtet. Die Inszenierung von Jetske Mijnssen kommt ohne Guillotine aus. Dennoch ist die dominierende Angst in der Komposition von Francis Poulenc klar spürbar. 

von Stephan Leimgruber 

Der Orden der Karmelitinnen ist im 15. Jahrhundert entstanden als weiblicher Zweig der «Brüder von der allerseligsten Jungfrau Maria vom Karmel». Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz haben den Reformzweig der «Unbeschuhten Karmelitinnen» gegründet, der in den 1980er-Jahren 40.000 Ordensfrauen zählte und zu den grössten beschaulichen Orden gehört. Die Karmelitinnen sind ein streng kontemplativer Orden mit Schwerpunkten auf Gebet, Stille und Meditation. In Compiègne war 1641 ein Tochterhaus eingerichtet worden, das zum Kloster von Amiens gehörte. Daraus entstand eine Niederlassung mit 16 Karmelitinnen. Im Laufe der Revolution überrannten die gewalttätigen Jakobiter das Kloster und zwangen die Schwestern, ihre Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams zu verraten und den Habit abzulegen. Doch die Schwestern, genauer elf Unbeschuhte Karmelitinnen, drei Laienschwestern und zwei Externe (Tertiare), wollten das nicht. Sie erneuerten ihre Gelübde und waren bereit zu sterben. Die «Dialoge» vor dem Entschluss handeln von Austausch und Gedanken der Schwestern, von grundsätzlichen Fragen zum Leben und Sterben, vom Sinn des Martyriums und von der religiösen Freiheit. In der Nacht auf den 17. Juli 1794 wurden die Schwestern in einem offenen Wagen zwei Stunden lang durch die Strassen von Paris gefahren. Während dieser Zeit sangen sie Hymnen oder «Loblieder», darunter das Miserere, das Salve Regina, die Vesper und die Komplet. Schaulustige beschimpften sie, schrien Beleidigungen und bewarfen sie mit Dingen. Auf dem Weg ins Martyrium sangen sie das Lied «Komm, Schöpfer Geist» und Psalm 116, «Laudate Dominum». Dann schritten sie unbeirrt zum Schafott und nahmen den Märtyrertod durch die Guillotine auf sich. Nach dem Tod wurden die 16 Märtyrerinnen in einem Massengrab auf dem Friedhof de Picpus in Paris bestattet. Papst Pius X. hat sie am 27. Mai 1906 seliggesprochen.  

Künstlerische Variationen
Gertrud von le Fort (1876−1971), die bekannte deutsche Schriftstellerin, griff den Stoff auf und entwarf eine Novelle. Frei erfand sie die Figur der Adeligen Blanche de la Force. Ängstlich verzichtet diese auf ein luxuriöses Leben in der Haute Bourgeoisie und ist für eine Heirat vorgesehen. Doch zieht sie das Leben im Kloster als Novizin vor und findet bei der Frau Mutter Zuflucht und Heimat. Als die Schergen eintreffen, kann sie das Martyrium nicht auf sich nehmen und flieht. Sie wurde zur «Letzten am Schafott», weil sie dann doch die Gnade erhielt, ihre Versprechen einzuhalten und den Schwestern ins Martyrium zu folgen.  

Georges Bernanos (1888−1948), französischer Schriftsteller und Soldat im Ersten Weltkrieg, gestaltete die Novelle von Gertrud von le Fort in einen Filmdialog um. Dieser wurde ins Deutsche übersetzt mit dem Titel «Die begnadete Angst», gemeint war eben die Angst von Blanche, die im Laufe des Martyriums der anderen 15 Karmelitinnen die Gnade erhielt, an ihrer religiösen Option festzuhalten. 

Francis Poulenc (1899−1963), Pianist und Komponist aus Frankreich, komponierte die Oper «Dialogues des Carmélites» 1957 und erstellte selbst ein Libretto. Die Oper wurde an der Scala von Mailand uraufgeführt und seither immer wieder mit grossem Erfolg auf den Bühnen der Welt gespielt. Sie gilt als einzige Oper des 20. Jahrhunderts, die einen historischen Stoff mit einem aktuellen Ereignis verbindet. Gertrud von le Fort verknüpfte den Dialog der Karmelitinnen mit dem aufkommenden Nationalsozialismus, während Poulenc eine Hautdarstellerin – heute brandaktuell – aus der Ukraine auswählte.  

In der diesjährigen Zürcher Neuproduktion der Niederländerin Jetske Mijnssen ist das historische Geschehen reduktionistisch minimal und lediglich diskret angedeutet. Jedes Mal, wenn eine Schwester hingerichtet wird, ertönt aus dem Orchestergraben ein schneidendes Geräusch, während die Schwester im Nacken einknickt und anschliessend an der Wand der Name der Ordensfrau gelöscht wird. Starke Frauen werden schwachen Männern gegenübergestellt. Die Regisseurin will die Aufmerksamkeit auf die inneren Dialoge lenken und deren Übertragbarkeit ins Hier und Jetzt anregen. Es geht um religiöse und letzte Fragen und um mögliche Transformationen in die heutige Gesellschaft. Ängste und Emotionen werden entfacht, das Ganze wirkt beklemmend und macht nachdenklich. Am Schluss Marschmusik, die basses Erstaunen und ein letztes Entsetzen erzeugt. Man wird an Olivier Messiaen erinnert. Selbst das Leben und die Stärke von Ordensfrauen können als Themen im europäischen Kontext neu entdeckt werden. 

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